Bonhoeffer-Experte Schlingensiepen wird in der FAZ sinnentstellend zitiert

Aktuelle Meldung vom: 16.05.2015

Peter Steinbach hat sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Bonhoeffer-Biographie des Amerikaners Charles Marsh geäußert und diese - laut F. Schlingensiepen - gelobt, ohne zu wissen, dass es sich um eine umfangreiche Überarbeitung durch den deutschen Verlag handelt.
Aber auch an Steinbachs Bonhoefferbild ist einiges falsch, und hier hat die Frankfurter Allgemeinde den Leserbrief Schlingensiepens drastisch entstellt.
So heißt es in der FAZ:

"Es ist Tatsache, dass Bonhoeffer es abgelehnt hat, den jüdischen Schwiegervater seiner Zwillingsschwester zu beerdigen, was er später sehr bereut und als eine Art Bekehrungserlebnis dargestellt hat."

Schlingensiepen aber schrieb im Leserbrief, dass Bonhoeffer es bereut und Professor Steinbach diese Reue fälschlicherweise zum "wende- und widerstandsgeschichtlichen Ausgangspunkt“ in Bonhoeffers Leben erklärt habe. Steinbachs Darstellung, die Vorgesetzten hätten die Beerdigung als „nicht opportun“ bezeichnet, sei ebenfalls unrichtig. Beerdigungen von Menschen, die nicht der evangelischen Kirche angehörten,  waren nach der Kirchenordnung ausdrücklich untersagt, so Schlingensiepen.



Der komplette Text des Leserbriefes von Ferdinand Schlingensiepen lautet:

Zu Peter Seinbach: Gegen die Verhakenkreuzung des Kreuzes FAZ. 5. Mai 2015

Ich widerspreche einem Kenner des deutschen Widerstands wie Peter Steinbach höchst ungern, aber in dem oben angegebenen Artikel spricht er der Bonhoeffer-Biographie des Amerikaners Charles Marsh (Der verklärte Fremde) Verdienste zu, die das amerikanische Original nun wirklich nicht hat. Steinbach hat die amerikanische Biographie allerdings auch mehr zum Anlass genommen, sein Bonhoefferbild noch einmal darzustellen.

Dabei hat er die Tatsache, dass Bonhoeffer es abgelehnt hat, den jüdischen Schwiegervater seiner Zwillingsschwester zu beerdigen, was er später sehr bereut hat, als eine Art Bekehrungserlebnis dargestellt. „Dieses Versagen markierte seinen wende- und widerstandsgeschichtlichen Ausgangspunkt.“ Aber die Darstellung, die Vorgesetzten hätten die Beerdigung als „nicht opportun“ bezeichnet, ist insofern unrichtig, als Beerdigungen von Menschen, die nicht der evangelischen Kirche angehörten, nach der Kirchenordnung ausdrücklich untersagt waren.

Der Vorgesetzte, den Bonhoeffer um Rat gefragt hat, hat ihn auf die Kirchenordnung hingewiesen, zu deren Einhaltung sich Bonhoeffer bei seiner Ordination verpflichtet hatte. Wenig später hat er selber sich gefragt, warum er die Ordnung einer Kirche eingehalten hatte, die mit der Einführung des Arierparagraphen ihr eigenes Wesen – als Kirche aus Juden und Heiden – verleugnete. Steinbach sagt, Bonhoeffer habe 1933 und noch lange danach „deutschnational“ gedacht. Der hat aber im Juli 1932  als ökumenischer Jugendsekretär bei einer Tagung in der Tschechoslowakei erklärt: „Der Sieg der Hitlerpartei hätte unabsehbare Folgen nicht nur für die Entwicklung des deutschen Volkes, sondern auch für die Entwicklung der ganzen Welt.“ Mir ist kein deutschnationaler und auch kein anderer Pfarrer bekannt, der so etwas 1932 öffentlich gesagt hätte.

Bonhoeffers Begegnung mit den Schriften Karl Barths, denen Steinbach mit Recht eine politische Wirkung auf Bonhoeffer zuspricht, fiel in die späten Zwanziger Jahre, und persönlich begegnet sind sich die beiden ebenfalls schon im Juli 1932. Bonhoeffers Schrift: Die Kirche vor der Judenfrage, in der es heißt: „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der Kirche angehören“, stammt aus dem Monat April 1933, in dem Bonhoeffer sich noch verpflichtet fühlte, die Kirchenordnung einzuhalten.

Nun bin ich nicht der Meinung, dass man Autoren, die über Bonhoeffer schreiben, a tout prix widersprechen sollte, es kann höchstens darum gehen, Fakten richtig zu stellen. Wenn aber ein Buch wie das des Amerikaners Charles Marsh aus einem Sammelsurium von grotesken Fehlern besteht, dann sollte man das der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Peter Steinbach hat dass amerikanische Original offensichtlich nicht zur Hand gehabt, sonst hätte er sofort gemerkt, dass es sich bei der deutschen Ausgabe nicht um eine Übersetzung, sondern um eine tief greifende Überarbeitung handelt, bei der ganze Seiten umgeschrieben worden sind, ohne dass der Leser darauf hingewiesen würde. Dass Marsh Bayreuth in die bayerischen Alpen verlegt und Dachau in den Nordosten statt den Nordwesten von München und dass bei ihm die Wartburg über dem „Fluss Eisenach“ liegt. kann man übergehen; aber dass er aus dem Maler Albrecht Altdorfer ein Warenhaus Altdorfer in München macht, in dem Bonhoeffer 1942 Weihnachtskarten eingekauft haben soll, zeugt von einem Umgang mit den Quellen, der nicht hinnehmbar ist.

Nun ließ sich so etwas leicht verbessern oder einfach streichen. Aber Marsh hat gedacht, er könne sich ein Studium der Geschichte des Kirchenkampfs in Deutschland ersparen und Bonhoeffer einfach als den einzigen kirchlichen Hitlergegner darstellen, der konsequent für die Juden eingetreten ist. Dass andere evangelische Pfarrer und Laien dafür weitaus mehr getan haben als Bonhoeffer und dafür ins KZ gekommen sind, kommt bei ihm gar nicht in den Blick. Für die Synode von Dahlem und die Leute, die nach dieser Synode „Dahlemiten“ genannt wurden, hat er nur Spott übrig, und weiß offensichtlich nicht, dass es sich um eine Synode der Bekennenden Kirche gehandelt hat. Die Übersetzerin hat den Ausdruck Synode eingefügt, aber nicht gemerkt, in welchem Ausmaß das Berufsleben Bonhoeffers dadurch verzeichnet worden ist, dass Marsh Bonhoeffers jahrelangen Kampf um die Einhaltung der Beschlüsse von Dahlem einfach übergeht.

Es können hier nicht die vielen grotesken Mängel des Buches aufgezeigt werden. Nur von der groben Missdeutung von Bonhoeffers Verlobung muss noch die Rede sein. Peter Steinbach hat zu Recht Marshs These, Bonhoeffer sei schwul gewiesen, kurzerhand zurück gewiesen. Im Zusammenhang damit muss aber noch mehr gesagt werden. Marsh weigert sich einfach, Bonhoeffers Verlobung mit Maria von Wedemeyer ernst zu nehmen. Er soll an seiner Verlobten in Wirklichkeit gar nicht interessiert gewesen sein. Nun kennt jeder, der in Deutschland etwas mit dem Namen Bonhoeffer verbindet, die letzte Strophe eines Gedichtes von ihm: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Das Gedicht hat er im Dezember 1944 an seine Verlobte geschickt; aber das ist nicht alles, was darüber zu sagen ist. Bonhoeffer hat seine Fähigkeit, Gedichte zu schreiben, entdeckt, als seine Verlobte sich am am 24. Mai 1944 nach einer „Sprecherlaubnis“ im Gefängnis von ihm verabschiedet hatte. Das Gedicht heißt „Vergangenheit“, und was er aufgeschrieben hatte, hat ihn geradezu verstört. „Was bleibt mir? Freude, Qual, Verlangen? Ich weiß nur dies: du gingst - und alles ist vergangen.“ Man lese das sehr lange, verzweifelte Liebesgedicht und mache sich dann klar, was es bedeutet, wenn Marsh ein Zitat daraus nimmt und es kurzerhand auf Bethge bezieht, weil Maria von Wedemeyer Bonhoeffer in Wirklichkeit ja nichts bedeutet habe.

Ich verstehe nicht, warum das Gütersloher Verlagshaus, in dem Bethges große Bonhoeffer-Biographie und die Bonhoeffer Werkausgabe mit ihren 17 Bänden erschienen ist, meint, dieses abstruse Buch habe etwas Wichtiges über Bonhoeffer beizutragen.

Dr. Ferdinand Schlingensiepen

 

Leider hat die FAZ diesen Brief an der entscheidenden Stelle verstümmelt, Herr Schlingensiepen hat darauf in einem zweiten Leserbrief reagiert, den wir hier ebenfalls abdrucken:

Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie haben am 15. Mai einen Leserbrief von mir fast vollständig abgedruckt, ihn aber an einer entscheidenden Stelle durch eine kleine Kürzung so grob entstellt, dass aus dem Sinn leider "Blöd-sinn" geworden ist.
Im Original hieß es:
Steinbach hat die amerikanische Biographie allerdings auch mehr zum Anlass genommen, sein Bonhoefferbild noch einmal darzustellen. Dabei hat er die Tatsache, dass Bonhoeffer es abgelehnt hat, den jüdischen Schwiegervater seiner Zwillingsschwester zu beerdigen, was er später sehr bereut hat, als eine Art Bekehrungserlebnis dargestellt. „Dieses Versagen markierte seinen wende- und widerstandsgeschichtlichen Ausgangspunkt.“ Aber die Darstellung, die Vorgesetzten hätten die Beerdigung als „nicht opportun“ bezeichnet, ist insofern unrichtig, als Beerdigungen von Menschen, die nicht der evangelischen Kirche angehörten, nach der Kirchenordnung ausdrücklich untersagt waren.
Also: Bonhoeffer hat bereut und Steinbach hat etwas (falsch) dargestellt.

Daraus ist in Ihrer Wiedergabe meines Briefes geworden:
Es ist Tatsache, dass Bonhoeffer es abgelehnt hat, den jüdischen Schwiegervater seiner Zwillingsschwester zu beerdigen, was er später sehr bereut und als eine Art Bekehrungserlebnis dargestellt hat. „Dieses Versagen markierte seinen wende- und widerstandsgeschichtlichen Ausgangspunkt.“

Ich weiß, dass Sie sich das Recht vorbehalten, einen Leserbrief zu kürzen. Aber das schließt doch nicht das Recht ein, eine Darstellung in ihr Gegenteil zu verkehren.
Bonhoeffer hat bereut und Steinbach hat das "als eine Art Bekehrungserlebnis" interpretiert, was es nicht war.
Für Steinbach ist diese Geschichte seit langem d e r Wendepunkt in Bonhoeffers Leben; und eben das stimmt nicht!

Wenn Sie meine Kritik an Steinbach nicht bringen wollten, hätten Sie mir doch einfach schreiben können, Sie hätten leider keinen Platz für meinen langen Brief. Zu einer Verfälschung dessen, was ich geschrieben habe, hatten Sie kein Recht. Und ein Versehen kann es nicht sein. Kein Redakteur einer Zeitung vom Rang der FAZ bezieht ein Verb auf das falsche Subjekt und lässt dann einen Satz drucken, der nicht stimmig ist.

Ich verstehe nicht, dass eine Zeitung Ihres Rufes so etwas macht,  bin aber trotzdem mit freundlichen Grüßen ...

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