"Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer"

Aktuelle Meldung vom: 24.10.2018

Dr. Jutta Koslowski

Jutta Koslowski (Hrsg.)

Geleitwort von Andreas Dreß

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 928 Seiten, 15,0 x 22,7 cm
1 Lesebändchen
mit 16-seitigem Bildteil

ISBN: 978-3-579-07152-7

€ 49,00 [D] | € 50,40 [A] | CHF 66,00* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Gütersloher Verlagshaus


Buchbesprechung Anni Neumann (Online Redaktion):

„Auch ich habe mich von zwei Gesichtspunkten beim Schreiben leiten lassen: einmal die absolute Ehrlichkeit ohne jede Beschönigung der Familie Bonhoeffer, und zum anderen kein Heldenepos daraus  zu machen.“ (Susanne Dreß an Ulrich Kabitz, 1985)

Sieben Jahrzehnte sind seit der Ermordung Dietrich Bonhoeffers vergangen.
Die Bibliographie des Bonhoeffer-Portals verweist auf über 5000 Publikationen, die Leben und Werk des Theologen erforscht, analysiert und immer wieder für die Gegenwart fruchtbar gemacht haben.

Auch der geneigteste Bonhoeffer-Interessierte mag sich da die Frage stellen:
Was kann es denn noch Neues geben? Welche Schätze lassen sich noch heben, die einen neuen Blick auf das Leben der Familie Bonhoeffer werfen?

Unter dem Titel „Aus dem Leben der Familie Bonhoeffer“ machen Dr. Jutta Koslowski und das Gütersloher Verlagshaus einen solchen Schatz den Lesern zugänglich.

Das Werk beginnt mit einem Geleitwort von Adreas Dreß, des jüngsten Sohnes von Susanne Dreß. In der darauf folgenden Einleitung schildert die Herausgeberin Jutta Koslowski eindrücklich, wie es zur Erstellung und Veröffentlichung des Manuskripts von Susanne Dreß kam und welche Bearbeitungen die Herausgeberin vorgenommen hat. Das Werk wird abgerundet durch den Vortrag „Widerstand aus Verantwortung“, den Susanne Dreß im Gedenken an ihre Brüder Klaus und Dietrich 1966 hielt.

Den Hauptteil des Buches machen zwei große Kapitel aus, die sich in „Kindheit und Jugend“ und „Familie und Beruf“ aufteilen.

Ursprünglich für Freunde und Familie bestimmt, schildert Susanne Dreß die ersten Jahrzehnte ihres Lebens: Von der Kindheit im Kaiserreich, über die Weimarer Republik bis in die Nazizeit und die Jahre des Wiederaufbaus spannt sich der Bogen. Susanne Dreß malt dem Leser ein facettenreiches Bild des Lebens und Denkens einer großbürgerlichen Familie – ein informatives und bewegendes Dokument der Zeitgeschichte, nicht nur für Theologen und Historiker.

Das veröffentlichte Manuskript gibt Antwort auf die Frage: Wie wurden diese Menschen zu denen, die sie waren und wie sie uns z.B. in ihren beeindruckenden Abschiedsbriefen begegnen?

Der Leser erlebt Dietrich Bonhoeffer als jüngsten Bruder in einer langen Geschwisterreihe aufwachsend und bekommt Einblicke in die ihn prägende Denk- und Lebenswelt der Familie. Dietrich Bonhoeffer, der in der Rezeptionsgeschichte oftmals als Glaubensheld und Märtyrer nahezu entrückt scheint, kommt uns in den Erzählungen als Mensch nahe. Ihre Schilderungen können unsere Vorstellungen von Bonhoeffer erweitern und ergänzen – und erzählen den Nachgeborenen bisher unbekannte Passagen aus seinem Leben. Diese sind mitunter durchaus amüsant, wenn Susanne Dreß schildert, wie „Dietrich, der mit heller Stimme singend am Glasschrank lehnte und bei dem Lied ‚Ich schnitt es gern in alle Rinden ein’ rücklings einbrach“.

Aber auch die anderen Familienmitglieder – besonders Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher, die ebenfalls Teil des Deutschen Widerstandes waren, werden für den Leser in ihrer Persönlichkeit greifbarer als jemals zuvor möglich. So schildert Susanne die Reaktion von Klaus Bonhoeffer auf die Ereignisse am 20. Juli 1944:
„Klaus war nicht ohne Hoffnung, überall war die Widerstandsaktion angelaufen. ‚Und wenn er nicht tot ist, sagen wir ihn tot’, rief Klaus, ‚Hauptsache wir haben endlich den Rundfunk in unserer Hand.’ Dann stürzte er wieder los. Doch bald begann im Radio das Gerede von der wunderbaren Vorsehung, die dem deutschen Volk seinen herrlichen Führer erhalten hatte, den ein einzelner Emporkömmling ihm hätte nehmen wollen. Wie wenig einzeln dieser Mann stand und wie große Hoffnungen zerstört worden waren, das wussten wir. […] Ich habe an diesem Tag meinen Bruder Kus, der immer einen Silberstreifen am Horizont sah und der auch sehr wütend werden konnte, zum ersten Mal weinen sehen. ‚Aus – jetzt ist alles aus!’“ (S. 892)

Die Bedeutung dieser Publikation ist in zweierlei zu sehen: In dem Wert für zeitgeschichtlich Interessierte, die hier Epochen deutscher Geschichte nacherleben können, die noch heute unsere (Erinnerungs-)Kultur, unser politisches und kirchliches Leben mit beeinflussen und darüber hinaus in den eindrücklichen Darstellungen der Denk- und Lebenswelt, die auch Dietrich Bonhoeffer prägte.


Interview mit der Herausgeberin Dr. Jutta Koslowski

(22. Oktober 2018, die Fragen stellte Anni Neumann)



Liebe Frau Dr. Koslowski, wie sind Sie grundsätzlich auf das Thema (Dietrich) Bonhoeffer gekommen?

Ich dachte zuerst, dass Bonhoeffer eine Neuentdeckung für mich sei – habe aber in meinem Bücherregal das Werk ›Widerstand und Ergebung‹ gefunden, das ich mit 14 Jahren intensiv gelesen und bearbeitet habe: Viele Unterstreichungen, Blitze und Ausrufungszeichen zeugen davon, wie wichtig dieses Buch schon damals für mich war. Dietrich Bonhoeffer ist einer der bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, und sein Mut ist für mich ein Vorbild. Außerdem hat er als systematischer Theologe zu den Themen, mit denen ich mich vor allem beschäftige – Ökumene und christlich-jüdischer Dialog – viel zu sagen. Die Arbeit an meinem Habilitationsprojekt führte mich dann zu den Bonhoeffer-Biographien von Christiane Tietz, Eberhard Bethge und Ferdinand Schlingensiepen. Dort wird das Manuskript von Susanne Dreß erwähnt – und das machte mich neugierig.

 

In der Vergangenheit sind Versuche der Veröffentlichung gescheitert – woran lag das und warum ist es gerade Ihnen gelungen?


Die ersten Veröffentlichungsversuche scheiterten an Unstimmigkeiten zwischen dem Christian-Kaiser-Verlag und Susanne Dreß: Das Manuskript sollte veröffentlicht werden, aber in gekürzter Form. Dazu war die Autorin auch grundsätzlich bereit – jedoch wollte sie diese Kürzungen selbst vornehmen und dabei ganze Kapitel mit gewissen Wiederholungen herausnehmen. Den damaligen Herausgebern ging es jedoch eher darum, brisante Passagen mit kritischen Äußerungen über bekannte Persönlichkeiten zu streichen. Zu einer solchen ›Zensur‹ war Susanne Dreß nicht bereit. Ich selbst sehe gerade darin, dass die Verfasserin kein Blatt vor den Mund nimmt, eine Qualität ihres Werkes – und darin war ich mir mit ihrem Sohn Andreas Dreß (der mir die Zustimmung zu dieser Veröffentlichung erteilt hat) von Anfang an einig.


Worin bestanden die Schwierigkeiten bei der Bearbeitung des Manuskripts?


Susanne spricht in ihren Aufzeichnungen selbst davon, dass sie große Probleme in der Schule hatte, vor allem wegen der Rechtschreibung (heute würde man sie wohl als Legasthenikerin bezeichnen). Trotzdem schrieb sie schon als Kind leidenschaftlich viel und gerne und wollte immer Schriftstellerin werden. Ich freue mich darüber, dass sich dieser Wunsch nun sozusagen postum erfüllt. Dafür musste ihr Manuskript jedoch intensiv bearbeitet werden: Zunächst wurde alles abgetippt und digitalisiert. Dann musste der Text an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst werden. Rechtschreibfehler wurden korrigiert, die Schreibung aller Personen- und Ortsnamen überprüft, Zeichensetzung und Wortstellung wurden verbessert, Wortwiederholungen aufgelöst, lange Sätze umgestaltet – kurzum: der Text wurde lektoriert. Schließlich habe ich noch alles mit Anmerkungen versehen und eine Einleitung geschrieben. Auf eine Kürzung des Textes wurde nach Abschluss all dieser Arbeiten in Absprache mit dem Verlag verzichtet, weil wir alles interessant fanden und der wissenschaftliche Wert einer ungekürzten Ausgabe gewiss höher ist. Ich bin sehr froh, dass ich das Gütersloher Verlagshaus für diese Publikation gewinnen konnte, da dies ja der führende Verlag für Veröffentlichungen zu Bonhoeffer ist.

 

Können Sie ein oder zwei Details schildern, die Ihnen besonders eindrücklich waren? (Erlebnisse Susannes oder Aspekte von Dietrichs Charakter/Erleben…)


Die Passage, wo Susanne eine ihrer frühesten Kindheitserinnerungen schildert, nämlich wie sie als Vierjährige die ›Blaue Blume‹ fand, hat mich sehr berührt (wer neugierig geworden ist, kann dies auf Seite 97 f. nachschauen). Als ich dies zum ersten Mal las, war ich überzeugt: Das sollte veröffentlicht werden! Hier wird deutlich, wie einfühlsam und respektvoll die Familienmitglieder miteinander umgingen – es zeigt den Geist, in dem die Kinder aufwuchsen und der für sie prägend war. In Bezug auf Dietrich finde ich beispielsweise die Schilderung von ihrem Besuch bei ihm in London spannend, weil hier manches berichtet wird, das bisher noch nicht bekannt ist (vgl. Seite 492–499). Auch finde ich bemerkenswert, wie Susanne als Pfarrfrau einiges von dem fortführt, was sie bei ihrem Bruder Dietrich als Pfarrer erlebt hat (etwa das Passionsspiel, das sie nach 1945 alljährlich aufführte – »für mich selbst immer eine Art von Gedächtnisfeier für Dietrich«, wie sie auf Seite 782 schreibt). Dieses Buch ist keine ›Hagiographie‹, sondern eine sehr lebendig und anschaulich geschriebene Biographie – und das macht diese Aufzeichnungen so wertvoll für unseren Zugang zu Bonhoeffer.

 

 

 

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