Gedenktafel in Buchenwald

Aktuelle Meldung vom: 24.04.2019

Sehr geehrte Damen und Herren!

Eine Gedenkstätte wie diese erinnert nicht nur an das, was gewesen ist.

Sie informiert nicht nur über Vergangenes, sondern sie mahnt uns auch zur Umkehr hier und heute.

Sie fordert uns zur „Buße“ auf, zum Überdenken eines falschen Weges, wie es der ursprünglichen Bedeutung dieses alten religiösen Wortes entspricht.

Das Schlimmste, was einer Gedenkstätte passieren kann, ist vielleicht noch nicht einmal ihre Beschädigung oder Zerstörung, sondern dass sie uns gleichgültig wird und nichts mehr zu sagen hat.

Das Beste, was einer Gedenkstätte wie dieser passieren kann, ist, dass wir durch sie jetzt und immer wieder die Aufforderung vernehmen: „Du musst dein Leben ändern!“ (Rilke). Und es ist eine Besonderheit von uns Menschen, die uns von anderen Lebewesen unterscheidet, dass wir das auch können: anhalten, überdenken, umkehren, „Buße tun“, neu anfangen.

Wie oft haben wir uns das nicht schon gewünscht: Wenn wir doch noch einmal von vorn anfangen könnten! Dann würden wir vieles, wenn nicht alles anders machen. Dann würden wir unser Leben neu ausrichten, nämlich auf das, was wirklich zählt und wichtig ist. Wir würden uns auf Wesentliches konzentrieren, auf das wahrhaft Menschliche.

Was eine Grundbestimmung unseres Menschseins ist: umkehren und neu anfangen zu können, das haben Christinnen und Christen in ihrem Glauben an den gestorbenen und auferstandenen Christus erfahren: Das Alte ist vergangen - siehe, es ist alles neu geworden! In Christus ist das neue Leben wirklich und damit auch für uns jederzeit möglich. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Das ist die „frohe Botschaft“ von der Erlösung, von der Freiheit der Kinder Gottes. Kein Geschick - weder im Großen noch im Kleinen - ist unabänderlich. Wir können anhalten, Wege, die ins Unwesentliche, ja ins Unwesen, ins Unmenschliche führen, überdenken, umkehren und neu anfangen.

Das sagt sich leicht, aber lebt sich schwer. Denn das Alte ist beharrlich, die Geschicke sind mächtig, die Wege sind oft verschlungen und ihre Ziele undurchsichtig.

Wir brauchen eine klare Orientierung. Wir brauchen andere, die uns einen Anstoß geben, die uns helfen und begleiten, um in Verantwortung vor Gott, der Welt und uns selbst zum Wesentlichen, zum Leben, zum Menschlichen umkehren zu können.

Wir brauchen Menschen wie diese drei, an die uns diese Gedenkstätte, diese neue Gedenktafel auffordernd erinnert: Dietrich Bonhoeffer, Friedrich von Rabenau und Ludwig Gehre.

Sie haben es in ihrer biografisch-geschichtlichen Situation zwischen Zweifel und Zuversicht versucht, sie haben es im politischen und auch theologischen Widerstand getan. Sie wurden entdeckt, von Nazi-Schergen verhaftet und ermordet. Sie haben für das Leben ihr Leben verloren.

Sind sie gescheitert? Wer kann das sagen? Aus welcher Perspektive will man das beurteilen? Für uns hier und heute ist es jedenfalls kein Scheitern. Auch wenn Menschen eingeschüchtert, mundtot gemacht, ermordet, Spuren verwischt oder Gedenktafeln in mutwilliger Aggression beschädigt werden - die Gedanken bleiben und wirken. Die Überzeugungen, dass es sich lohnt umzukehren, sich für Verantwortung, Gerechtigkeit und Versöhnung einzusetzen und so dem Leben, dem wesentlich Menschlichen zu dienen, nehmen uns mit.

Das ist auch das Anliegen der Internationalen Bonhoeffer - Gesellschaft, für die ich im Auftrag ihres Vorstands dieses Grußwort spreche, indem sie das Vermächtnis Dietrich Bonhoeffers nach Kräften pflegt und sein Andenken lebendig hält.

Prof. Dr. Hartmut Rosenau

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