Wie kam es zu den Bethge-Tagen?

Aktuelle Meldung vom: 23.07.2020

Bonhoeffer und Bethge, Sammelvikariat (1938)

Bethge und Bonhoeffer

Bonhoeffer mit Bethge bei Erwin Sutz

Wie kam es zu den Bethge-Tagen?

Im Religionsunterricht hatte ich früh von Dietrich Bonhoeffer gehört; während meines Theologiestudiums dann die große Biographie von Eberhard Bethge gelesen. So ließ ich mich gern ein auf die Anfrage des Mitteldeutschen Kulturrates, Bonn, zu Bethges hundertsten Geburtstag (* 28. August 2009) für das Mitteldeutsche Jahrbuch für Kultur und Geschichte nicht nur ein Grußwort, sondern einen längeren Artikel zu schreiben (MJb 16/2009, S. 109-126). Beim Recherchieren stieß ich auf den mir bis dato unbekannten Ortshinweis: „geboren in Warchau“. Wo liegt denn das? Warschau – die Hauptstadt Polens – konnte es nicht sein.

Wir machten uns auf. Als erste Übernachtung bot sich Helmstedt an, Kreisstadt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Als zweites Übernachtungsquartier wählten wir das nahe der Autobahnabfahrt gelegene Burg-Hotel in Ziesar. Von dort brachen wir auf, Zitz zu erreichen. Beim Vorbereiten hatte ich nämlich das Buch entdeckt: „In Zitz gab es keine Juden“.

Wir orientierten uns nach dem Zitzer Kirchturm. Vor dem Friedhofseingang trafen wir einen Mann, der das Außengelände vor dem Friedhof säuberte. Wir fragen: „Finden sich auf diesem Friedhof die Gräber von Pfarrer Wilhelm Bethge (1867-1923) und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Nietzschmann (1879-1964)? Der Gute hatte nur ein Achselzucken. Wir gaben nicht auf, klingelten im Haus gegenüber. „Sorry, aber wir sind nicht Mitglied der Kirche. Gehen Sie mal ins übernächste Haus“. Fehlanzeige auch dort! Man schickte uns aber zur Zitzer Dorfstraße 40. Dort trafen wir auf eine freundliche Frau: „Wie, Sie kommen aus Westfalen - aus Münster? Da habe ich 1982 meine Ausbildung als PTA gemacht!“ Das Eis war gebrochen! „Nach der Wende“, so erzählte sie strahlend, „seien sie von Hamm zurück in die Heimat der Mutter gegangen“.

Welch großes Glück! Wir standen Ulrike Schlieper gegenüber, der couragierten Küsterin und Vorsitzenden des Gemeindekirchenrates der Kirchengemeinde Zitz. Dass Zitz als einer der fünf Ortsteile - neben Gollwitz, Rogäsen, Viersen, Warchau - seit 2000 zur Gemeinde Rosenau Amt Wusterwitz, LK Potsdam-Mittelmark gehört, erfuhren wir erst viel später. 

Ulrike Schlieper half nachhaltig; schickte uns zum hochbetagten Zitzer Dorfchronisten Hermann Schulze. Der war hoch erfreut! Er bedauerte nur: „Ich habe abgegeben. Mein Nachfolger ist Ulrich Neumann, Realschuldirektor in Brandenburg“. Frau Schlieper hatte uns noch zwei weitere Namen genannt: Rolf Gehlhaar (Gollwitz), den gewählten Bürgermeister von Rosenau und Pfarrer Siegfried Lück in Wusterwitz. Der Einstieg war gegeben.

Bei unserem zweiten Besuch im Frühsommer 2009 lernten wir Rolf Gehlhaar, den dynamischen Bürgermeister persönlich kennen, fuhren gemeinsam zum Steinmetzmeister Andreas Puder, August-Bebel-Straße 25, 14789 Wusterwitz, gaben eine Gedenkstele in Auftrag. Eine freundliche Frau, sie möchte ungenannt bleiben, verriet mir: „Warchauer Dorfstraße 2 ist das Geburtshaus von Eberhard Bethge“. Dass der neue Besitzer Herr Willi Weigel, der das ehemalige Pfarrhaus 2000 erworben hatte, letztendlich seine Zustimmung gab, die Stele im Vorgarten seines Hauses aufgestellt werden durfte, danken wir dem Verhandlungsgeschick des Bürgermeisters. Termine konnten eingehalten werden.

Am 28. August 2009, dem Tag des 100ersten Geburtstages feierten wir zunächst in der vollbesetzten Warchauer Dorfkirche einem Dankgottesdienst. Pfarrer Dr. Löhr (Brandenburg) hielt die Festpredigt. Dann zogen wir zum Festakt vor das Geburtshaus. Den Augenblick werde ich nicht vergessen: Willi Weigel und ich sollten die Gedenkstele enthüllen. Da umarmt mich Herr Weigel, drückt mich ganz fest, sagt: „Herr Neuhaus, wenn ich gewusst hätte, wer Eberhard Bethge ist, dann hätte ich gleich zugestimmt. Nur: ich kannte ihn nicht“. Höchster Respekt dem liebenswerten Willi Weigel. Er ist ein Kind des SED-Staates, der ihm Arbeit und Brot gab. Die SED hat vielen Bürgern der ehemaligen DDR den christlichen Glauben regelrecht ausgetrieben. Für mich das Schlüsselerlebnis, Grund, anzuregen: Es nicht mit dem einmaligen Treffen bewenden zu lassen; vielmehr künftig jedes Jahr Bethge-Tag abzuhalten.

Unterstützer fanden sich. Die Märkische Allgemeine hatte berichtet. Der Kirchenvorstand und Ortspfarrer Siegfried Lück nahmen sich der Sache an. Pfarrer Lück lud für 2010 Professor Dr. Heinrich Fink (Berlin) ein. Ein Glücksfall! Heinrich Fink hatte nämlich als Theologiestudent Eberhard Bethge noch als Berliner Studentenpfarrer kennen-gelernt, mithin ein Zeitzeuge. Er öffnete der Gemeinde die Israel-Theologie Bethges. Er war Fest-prediger 2011, 2015, 2016, 2017. Die Festpredigt 2012 hielt Professor Dr. Martin Onnasch (Greifs-wald/Erfurt). Er war begleitet von Eberhard Bethges beiden Töchtern Gabriele Bode und Sabine Moffert. 2017 fand sein Gemeindevortrag „Freundschaft“. Bonhoeffers Gedicht „Der Freund“ ein dankbares Publikum. 2013 übernahm Martin Kramer (Magdeburg) – treuer Teilnehmer über Jahre – die Festpredigt. Im Anschluss an den Gottesdienst lädt die Kirchengemeinde ins Zitzer Dorfgemeinschaftshaus ein, zum Nachmittag der Begegnung an reich gedeckten Tischen, ein Freudenfest rundum. Wilfried Schulz (Berlin) vertritt die Bonhoeffer-Gesellschaft: bereichernder Erzähler spannender Beiträgen mit anregenden Filmen.

Die Bethge-Tage entwickelten sich: Tafeln des Erinnerns konnten der Öffentlichkeit übergeben wer-den: Zum 105. Geburtstag 2014, Pfarrer Otto Albert Seip (Hamburg), Evangelische Zehntgemein-schaft Jerichow, fungierte als Festprediger, an der Zitzer Dorfkirche, in der Bethge am 5. April 1925 konfirmiert; zum 110. Geburtstag 2019 am Portal der Warchauer Dorfkirche, in der er am 7. Oktober 1909 von seinem Vater getauft wurde. In Gollwitz hat sich 2014 der Förderkreis Gollwitzer Dorfkirche e. V. konstituiert. Unter dem Vorsitz von Werner Fräßdorf setzen sich die Mitglieder für den Erhalt der Gollwitzer Kirche ein. So konnten am 28. Oktober 2018 zwei neue Glocken eingeweiht werden. In Rogäsen bekam die würdige Patronatskirche ein Dach. Sie dient als Gotteshaus der Stille, Ort des Gebetes, beliebtes Ziel auch für Fahrradtouristen. Schwerpunkt der kommenden Jahre wird sein, der Erhalt der Dorfkirchen in Warchau und Zitz. In Zitz wurden die vier Fenster in der Apsis neu verglast, der Turm bekam zwei bleiverglaste Fenster, die Außenhülle verputzt, gestrichen auch die Turmtür, Schallluken eingesetzt, Knopf und Wetterfahne, ein automatisches Uhrwerk mit neuem Zifferblatt. In Warchau wird das italienische Madonnengemälde des 17./18. Jhs restauriert. Der Kirchenrat des Kirchenkreises Elbe-Fläming stimmte dem Sanierungskonzept für die Sicherung der Apsis zu, sodass 2020 mit den Arbeiten begonnen werden kann.

Einen Schub brachte der 10. Bethge-Tag am 26. August 2018: Altbischof Professor Dr. Dr. Wolfgang Huber (Berlin) besuchte erstmalig die Bethge-Stätten, predigte in der vollen Zitzer Dorfkirche.

200. Geburtstag Theodor Fontanes 2019: Altbischof Huber hatte die geniale Idee, eine Fontane-Lesung in einer Brandenburger Kirche als Benefizveranstaltung zu halten. Dass Professor Huber durch Vermittlung von Bernd Janowski, Vorsitzenden des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Bran-denburg und Hans Tödtmann, Beauftragten des FAK für den LK Potsdam-Mittelmark, die Warchauer Dorfkirche wählte, war ein großes Geschenk!  Begleitet von seiner Ehefrau Kira kam er am 10. August 2019 erneut, hielt einen Vortag zu Eberhard Bethge, schlug den Bogen zu Fontane, aus dessen Roman „Stine“ - die beiden Hubers lasen vor der stattlichen Reisegruppe des Förderkreises Alter Kirchen Berlin-Brandenburg und örtlichen Gemeindeglieder. Das Ereignis am 10. Sonntag nach Trinitatis, den 26. August 2019: Die lebensnahe Festpredigt von Altbischof Axel Noack (Hal-le). Pfarrer Holger Zschoemitzsch und Kantor Thorsten Fabrizi mit seinem regionalen Chor gestalteten den  Abschluss in Warchau souverän. Das Wagnis, Treffen an beiden Orten, glückte.

Die Bethge-Tage mussten Wechsel verkraften. Nach dem Ruhestand von Siegfried Lück wurde die Pfarrstelle mit Holger Zschoemitzsch wieder besetzt. Wir sind dankbar. Die Bethge-Tage gehören zur Gemeinde. Frau Superintendentin Ute Mertens (Burg) kam wiederholt. Bausachen sind in guten Händen: Heidrun Fleege. Architekten Fleege + Oeser, Brandenburg, Heidrun Krüger Baureferentin des Kreiskirchenamtes Magdeburg, Architekt Hans Tödtmann. Für Besucher hält Ulrike Schlieper die Schlüssel der Zitzer, Iris Viola Rausch - Dorfstraße 17 - der Warchauer Kirche bereit.

Die Bethge-Tage möchten drei Aufgaben erfüllen. Erstens: Pflege des Erbes Bethges. Zweitens: Stärkung der Gemeinde vor Ort. Fachtagung sein, können wir im Fiener Bruch nicht leisten. Wir bedauern nur: den weitverbreiteten Werken Eberhard Bethges, der sich selbstlos für das Werk sei-nes Freundes Dietrich Bonhoeffer einsetzte, wird keine dem DBW entsprechende Neuauflage zuteil. Ilse Tödt war bereit, gemeinsam mit Ernst Feil die Sache anzupacken.

Nach Ernst Feils Tod (+ 11.3.2013) entstand eine neue Situation. Drittens: 2019 traten 270000 Menschen aus der EKD aus (FAZ, 27. Juni 2020, S. 1). Kommt der Bethge-Formel „Senden und Sammeln“ nicht Aktualität und Relevanz zu? Die befreiende Kunde des Evangeliums muss heute weitergesagt werden. Am 29. August 2021 erwarten wir Landesbischof Friedrich Kramer in Zitz.

 

Günter O. Neuhaus

 

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