Adolf Schlatter

Adolf Schlatter, um 1920

Quelle:

Bildbiografie Dietrich Bonhoeffer. Bilder aus seinem Leben, herausgegeben von Eberhard Bethge, Renate Bethge und Christian Gremmels, © Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh 2005

Im Sommer 1923, als auf dem Höhepunkt der Inflation eine Mahlzeit eine Milliarde Mark kostete, begann Bonhoeffer sein Studium in Tübingen. Anfang Mai berichtete er den Eltern: Am meisten interessierte mich bis jetzt Schlatter. Der frisch emeritierte Schlatter las Erklärung des Johannes-Evangeliums; Bonhoeffer schrieb mit in seinem Kollegheft, 23 Oktav-Seiten. Offenbar konnte er, der Norddeutsche, Schlatters schweizerischen Tonfall verstehen, und das Vorgetragene muss so eindrucksvoll gewesen sein, dass Bonhoeffers Interesse für Schlatters Denken sein Leben lang anhielt. Zu einer persönlicheren Begegnung kam es nicht. – Den von Bonhoeffer mit verfassten Erstentwurf des Betheler Bekenntnisses lehnte Schlatter als Gutachter im September 1933 ab, unter anderem weil der SA-Mann davon nicht erreicht würde. Die Bindung durch ein evangelisches Bekenntnis mache frei auch dazu, ein neues Geschlecht zu sein, das biologisch und völkisch und tatenlustig denkt, schrieb Schlatter 1936. Diese Vergegenwärtigung der Erkenntnis Schlatters, das Natürliche sei von der Christenheit als Kreatur Gottes zu ehren (folglich auch die natürliche Gemeinschaft des nationalsozialistisch gewordenen Volkes), nahm Bonhoeffer mit Bedauern wahr. Dennoch behielt für ihn Schlatters Theologie ihren hervorgehobenen Platz. Im Finkenwalder Predigerseminar standen die grüne Reihe der neutestamentlichen Auslegungen für Bibelleser und größere Werke Schlatters aus Bonhoeffers Besitz und wurden benutzt. Die in Finkenwalde geübte tägliche Schriftmeditation mag angeregt sein von Schlatters Überzeugung (An meine Leser im großen Kommentar Der Evangelist Matthäus), der im Amt stehende Geistliche benötige ein Hören auf das ihn anredende Wort Gottes (was sagt es mir). In Bonhoeffers Buch Nachfolge (1937) sind Anklänge an Schlatter weit über die eine Nennung seines Namens hinaus spürbar. Das Gleiche gilt für Bonhoeffers Ethik-Manuskripte (1940-1943), in denen Bonhoeffer ausdrücklich nur eines der großen Verdienste Adolf Schlatters rühmt: Er stelle die Frage nach der Bekehrung des Guten zu Christus (Abschnitt Kirche und Welt I.). Schlatters Mahnung (in Das christliche Dogma) dagegen, dass der religiöse Ernst des Pharisäismus verdächtigt wird, kann Bonhoeffer zu dem würdigenden Einschub Begegnung Jesu mit den Pharisäern in das kurz zuvor verfasste Manuskript veranlasst haben. – Aus der Haft schrieb Bonhoeffer am 3.7.1943 an die Eltern, für den mitlesenden Zensor, er meine als Student bei Schlatter gehört zu haben, das ruhige Aufsichnehmen einer Untersuchungshaft gehöre zu den christlichen Staatsbürgerpflichten. Vermutlich war ihm aus der Lektüre von Schlatters Die christliche Ethik in Erinnerung: Auch an der staatlichen Rechtspflege hat die Christenheit teilzunehmen. – Während der Arbeit an dem Ethik-Manuskript Das natürliche Leben im Kloster Ettal hatte Bonhoeffer, laut Brief an Bethge 14.2.1941, Etwas ganz Erstaunliches entdeckt: Schlatter schrieb Gedichte! Bisher las ich sie mit großer Freude. Johannes der Täufer. Reime von Schlatter war 1939 erschienen. In der letzten Zeit im Wehrmachtuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel, vor Anfang Oktober 1944, reimte Bonhoeffer selber Biblisches: Der Tod des Mose und Jona.

Quelle:

Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie. Gütersloh9 2005.

SCHLATTER, ADOLF (1852–1938): wurde am 16.8.1852 in St. Gallen geboren. 1880 Privatdozent in Bern, 1888 Professor für Neues Testament in Greifswald, 1893 in Berlin, 1898 in Tübingen, 1922 emeritiert, weiter lehrend; in Tübingen am 19.5.1938 gestorben. Er beobachtete Tatbestände der gesamten Wirklichkeit von Natur und Geschichte als der Schöpfung Gottes, bezog Dogmatik, Ethik und Philosophie in seine Arbeit ein; hauptsächlich förderten seine Forschungen zu Religion und Geschichte des antiken Judentums sowie eine Fülle exegetischer Entdeckungen die neutestamentliche Wissenschaft.

Vita aus:

RGG 3. Auflage. Jørgen Glenthøj Recherchen 1990. Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie, Gütersloh 92005.

Friedrich  Bodelschwingh Karl  Barth

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