Franz Gürtner

Franz Gürtner

Bundesarchiv, Bild 183-H13466 / Heinscher / CC-BY-SA

Kontakt zum Reichsjustizminister Franz Gürtner bekam Dietrich Bonhoeffer über Hans von Dohnanyi, den Mann seiner Schwester Christine. Dohnanyi war vom 1.6.1933 bis zum September 1938 Gürtners persönlicher Referent, und Gürtner blieb dem zwanzig Jahre jüngeren Dohnanyi lebenslang "wie ein Vater zugetan“. Die drei Gürtner-Söhne und die beiden Dohnanyi-Söhne waren Spielkameraden. Hans von Dohnanyi arrangierte, dass Bonhoeffer in Berlin am 23.10.1938 auf einer Gesellschaft Minister Gürtner traf. – Wegen der nächtlichen Luftalarme gab es in Berlin (und anderen Städten) vom Herbst 1940 an für jüngere Oberschüler keinen Schulunterricht mehr. Im Winter (17.11.1940–20.2.1941) arbeitete Bonhoeffer in der Benediktinerabtei Ettal in Bayern an Ethik-Manuskripten. Klaus und Christoph von Dohnanyi und Heinz Gürtner, gleichaltrig mit Klaus (geboren 1928), erschienen am 22. November in Ettal, um das dem Kloster beigeordnete Internatsgymnasium zu besuchen. Die übrigen Gürtners und Dohnanyis verbrachten die Feiertage im Ort Ettal. Auch Bonhoeffers Theologenfreund Eberhard Bethge reiste an. Bonhoeffer und Bethge waren den ganzen 21. Dezember mit Gürtner zusammen. Sie sprachen über den Versuch, den Reichskirchenminister Hanns Kerrl zum Einspruch gegen die gezielte Einziehung von Pfarrern der Bekennenden Kirche zur Wehrmacht oder zu kriegswichtiger Industriearbeit zu bewegen. Auf einem mehrstündigen Spaziergang zu Dritt sahen die beiden Theologen sich "verstohlen an mit kalten Backen und Ohren, wann wird er denn endlich umkehren?“ (Bethge). „Hoffentlich hat ihm der eiskalte Spaziergang nicht bei seiner Grippe geschadet“ (Bonhoeffer). Am 29.1.1941 war Gürtner tot. Ebenfalls 1941 (am 14.12.) starb Kerrl. Nichts war erreicht – die Wegberufungen von BK-Angehörigen aus ihrem Amt steigerte sich noch; von den etwa 150 Pfarrern, die Bonhoeffer zwischen 1935 und 1940 ausgebildet hatte,  fielen über 80 im Krieg. – Heinz Gürtner in Ettal hielt sich "hervorragend tapfer" nach dem Tode seines Vaters. Beim Begräbnis in München am 3.2.1941 begleiteten Bonhoeffer und seine Schwester Christine (Hans von Dohnanyi war auf Dienstreise in Italien) die Gürtners. Die Trauerfeier hielt Hans Meiser, Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche von Bayern, obwohl Gürtner nominell der katholischen Kirche angehörte. Die Regensburger Domspatzen sangen; Gürtner hatte selbst zu ihnen gehört (und es hatte Bethge in der Weihnachtszeit in Ettal beeindruckt, "wie er so bescheiden mit vierstimmig sang"). – Im Sommer 1943 entwarf Bonhoeffer im Tegeler Untersuchungsgefängnis Briefe an den ihn verhörenden Oberkriegsgerichtsrat Manfred Roeder. Darin gab er an, Gürtner Vorschläge für eine "Beilegung des Kirchenstreites" gemacht zu haben, die auch Kerrl interessierten, mit dem Ziel, dass die Kirche ihren Auftrag im Krieg erfüllen könne. Aber der Gerichtsbarkeit galten Bonhoeffers Bemühungen, über Gürtner und Dohnanyi BK-Pfarrer uk-stellen zu lassen (in der Heimat unabkömmlich), als Wehrkraftzersetzung, und für dieses Verbrechen verlangten die Gesetze – angeführt in der Anklageverfügung gegen Bonhoeffer am 21.9.1943 – die Todesstrafe.

Quelle:

Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie. Gütersloh 92005, 455, 776. DBW 13, 211; DBW 16, 100, 121, 126, 129, 154, 419f, 432, 442. So ist es gewesen, DBW-Ergänzungsband, 1995, 335. u.a.

GÜRTNER, FRANZ (1881-1941): wurde am 26.8.1881 in Regensburg geboren. Studium der Rechtswissenschaft in München; danach Syndikus eines Brauereiverbandes. 1909 Eintritt er in den bayerischen Staatsdienst; 1922-1932 Bayrischer Justizminister; ab 2.6.1932 Reichsjustizminister im Kabinett von Franz von Papen als Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei; am 1.2.1933 als Reichsjustizminister im Kabinett Hitler bestätigt (Gürtner trat nicht in die NSDAP ein). Als am 19./20.10.1934 die Reichsbekenntnissynode in Berlin-Dahlem gegen die Übergriffe des NS-Staates auf die Kirchenleitungen der evangelischen Landeskirchen ein "Notrecht" beschloss, rief Hitler am 20.10.1934 Gürtner zu sich zur Beratung; in der Folge erklärte Hitler sein Desinteresse an der Reichskirche und lehnte eine Parteinahme im Kirchenstreit ab. Gürtners Aufgabe als Justizminister war, das noch herrschende Recht mit den nationalsozialistischen Forderungen in Einklang zu bringen; er mühte sich darum, politische Eingriffe in die Justiz und ein zunehmendes Abgleiten in einen Willkür- und Polizeistaat zu vermeiden. Trotz innerer Ablehnung behielt er sein Ministeramt bei in der Hoffnung, Schlimmeres verhindern zu können (solange das Fieber – der Nationalsozialismus – dauert, „verlässt ein Arzt das Krankenbett nicht“); doch sein Wirken trug dazu bei, den NS-Staat zu stabilisieren, und er selbst wurde immer tiefer in die Unrechtsmaßnahmen hineingezogen. Auf einer mehrtägigen Dienstreise im Dezember 1940 ins Generalgouvernement in Polen wurde er mit der Deportation und Vernichtung von Polen und Juden konfrontiert; seitdem litt er an Grippe. Er starb am 29.1.1941 in Berlin. Auf Hitlers Anordnung fand am 1.2. 1941 in der Neuen Reichskanzlei ein Staatsakt zu Gürtners Gedächtnis statt. Am 3.2.1941 wurde Gürtner, wie er gewünscht hatte, mit einer Trauerfeier auf dem Münchener Waldfriedhof beigesetzt.

 

Vita aus:

Gruchmann, Lothar, „Gürtner, Franz“, in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 288-289 [Onlinefassung]; URL: www.deutsche-biographie.de/pnd118543326.html [08.06.2014].

Leben und Werk

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