Franz Hildebrandt

Franz Hildebrandt

Quelle:

Bildbiografie Dietrich Bonhoeffer. Bilder aus seinem Leben, herausgegeben von Eberhard Bethge, Renate Bethge und Christian Gremmels, © Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh 2005

Für Sonnabend, den 17.12.1927 12 Uhr, war Bonhoeffers Verteidigung seiner Promotionsthesen in der Berliner Universität angesetzt. Am Tag davor, im Seminar von Reinhold Seeberg, begegneten Hildebrandt und Bonhoeffer sich das erste Mal. An diesem Freitag, 16.12.1927, begann die heißblütige theologische Diskussionsfehde zwischen ihnen und ihr einträchtiges Zusammenwirken, das erst nach Hildebrandts Flucht aus Deutschland 1937 und endgültig 1939 bei Kriegsausbruch getrennt wurde. – Die Bonhoeffer-Familie war ab 1929 Hildebrandts zweite Heimat; bei der Hausmusik vertrat er gelegentlich am Klavier Bonhoeffer, und für dessen Nichten und Neffen war er Onkel. – Zum 31.7.1930 dedizierte er Bonhoeffer ein Lutherworte-Büchlein: „Dem alt bösen Feind zur Habilitation!“ Im Sommer 1931 – Hildebrandt war im Vikariat – erbat er von Bonhoeffer den Freundschaftsdienst, gemeinsam einen Katechismus besonders für Konfirmanden zu verfassen. Bonhoeffer gab ihm eines der ersten Exemplare seiner 1931 gedruckten Habilitationsschrift „Akt und Sein“, auf das er geschrieben hatte: „Und daraus soll nun ein Katechismus werden?!“ In zwei Ferienwochen Hildebrandts entstand in Berlin der Gemeinschaftstext unter dem Titel „Glaubst du, so hast du“, angelehnt an eine Kurz-Formulierung des Glaubensbekenntnisses durch Luther 1528. – Am 17.10.1933 trat Bonhoeffer sein Auslandspfarramt in London an. Im Brief an Karl Barth vom 24.10.1933 ist Hildebrandt erwähnt als „mein nächster Freund“. Mit einem Schreiben vom 3.11. 1933 informierte Bonhoeffer seine beiden Londoner Gemeinden über die Einladung Hildebrandts in sein Pfarrhaus. In diesem November stattete Bonhoeffer beim Bischof von Chichester George Bell seinen Antrittsbesuch ab. Die Ehe von George und Henrietta Bell war kinderlos; Bell nannte später Bonhoeffer und Hildebrandt “my two boys”. – Ende Januar 1934 schrieb Hildebrandt, nun in Berlin bei Niemöller, zu Bonhoeffers Geburtstag am 4. Februar einen Brief auf Lutherdeutsch mit lauter verschlüsselten Namen aus dem Kampf derer, die sich zu Niemöllers Pfarrernotbund hielten, mit Kirchenleuten, die sich dem NS-Regime anpassten; darin steht auch: „wie vil lieber/ blieb ich bey dyr.“ – Im August 1934 erneuerte Bonhoeffer die Information an seine Gemeinden über die Einladung Hildebrandts ins Pfarrhaus. Vor der am 22. August beginnenden ökumenischen Konferenz auf der dänischen Nordseeinsel Fanø traf Bonhoeffer, aus London kommend, Hildebrandt, der aus Berlin anreiste. Ehe die Vertretung der Reichskirche (mit Theodor Heckel) auf Fanø erschien, fuhr Hildebrandt ab, um in Bonhoeffers Londoner Gemeinden zu predigen. – Im Dezember 1934 und im April 1935 gingen Bonhoeffer und Hildebrandt auf die Suche nach einer Unterkunft für das Berlin-Brandenburger BK-Predigerseminar, zu dessen Leitung Bonhoeffer bestimmt worden war. Als sie beide selber ein Predigerseminar hätten besuchen sollen, hatten sie das als Zeitverschwendung zu vermeiden gewusst. Ende April 1935 begann der erste von Bonhoeffer geleitete Predigerseminarkurs. Hildebrandt vermittelte fortan die neuesten Alarmnachrichten. So war auf einen Anruf Hildebrandts hin das Seminar bei der Steglitzer Synode 23.-26.9.1935, kurz nach der Verkündigung der Nürnberger Gesetze am 25.9., die eine „geordnete“ Verfolgung der Juden anzielten, als protestierende “pressure group” anwesend. – An Hugh Martin im britischen Informationsministerium schrieb Bischof Bell am 9.7.1942, in Schweden Ende Mai habe sein Informant – Bonhoeffer bleibt ungenannt – große Dankbarkeit geäußert für die von der BBC ausgestrahlten Predigten von Pastor Rieger und Pastor Hildebrandt und um mehr solcher Gottesdienste an Wochenend-Abenden gebeten besonders für die einsamen Landpfarrer. (Das Abhören des deutschen Programms der British Broadcasting Corporation war im NS-Deutschland zwar ein Straftatbestand aber eine weit verbreitete „Arbeit“.) – Am 27.7.1945 hielten Rieger, Hildebrandt und Bischof Bell in der Holy Trinity Church am Kingsway in London den Gedächtnisgottesdienst für Bonhoeffer. Die BBC übertrug ihn nach Deutschland. Erst dadurch erfuhren die Überlebenden der Familie Bonhoeffer dort vom Tode Dietrichs.

Quelle: Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie. Gütersloh 92005, 174f, 215, 228, 419, 475, 480, 482, 555-557, 1041. Begegnungen mit Bonhoeffer, 4. Auflage 1969, 31-33, 70. DBW 11, 228, DBW 13, 13, 86-88, 150, 187, DBW 16, 147, 337

Quelle:

 

HILDEBRANDT, FRANZ (1909-1985): wurde am 20.2.1909 in Berlin geboren. Sein Vater war Professor der Kunstgeschichte, seine Mutter jüdischer Herkunft. Ab 1926 Studium der Theologie in Tübingen, kurz in Marburg, und in Berlin; Ende November 1930 Licentiat zusammen mit Erstem Theologischem Examen; ab Mitte Dezember Mitarbeit bei Friedrich Siegmund-Schultze in dessen Sozialer Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost; ab 1. April 1931 Vikariat in Dobrilugk, ab 1. Oktober Stadtsynodalvikar bei Leonhard Fendt an der Kirche Zum Heilsbronnen in Berlin-Schöneberg. 1931 Dissertation „EST. Das lutherische Prinzip“, Promotion. 18.6.1933 Ordination in der Berliner Nikolaikirche; Hilfsprediger in Klein-Machnow bei Berlin. Die (NS-braune) Generalsynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union am 5./6.9.1933 beschloss als Kirchengesetz, dass Geistlicher nur noch sein konnte, wer rückhaltlos für den NS-Staat eintrete und arischer Abstimmung sei; daraufhin legte Hildebrandt sein zum Rassenprivileg erklärtes Pfarramt nieder. Vom 11.11.1933 bis 22.1. 1934 war er Gast Bonhoeffers in dessen Pfarrhaus Manor Mount in London. Von Martin Niemöller zur Assistenz beim Pfarrernotbund gerufen, predigte Hildebrandt bereits am 4.2.1934 in Berlin-Dahlem anstelle des ab 27.1.1934 vorübergehend vom Pfarramt suspendierten Niemöller. 1935-1937 Dozent an der Kirchlichen Hochschule der Bekennenden Kirche in Berlin. Nach Niemöllers Verhaftung am 1.7.1937 durch die Geheime Staatspolizei übernahm Hildebrandt die Gottesdienste am 12. und 18.7., kündigte die Fürbittenlisten und die Kollekte für die Bekennende Kirche ab, wurde wegen dieser (in der Sicht des NS-Regimes) „Vergehen“ inhaftiert, konnte nach vier Wochen (im August) freikommen und emigrierte nach England. Bis 1938 Gast bei Julius Rieger und Hilfsprediger an dessen St. Georgskirche in London; 1939-1946 Pastor der deutschen lutherischen Flüchtlinge in Cambridge. 1940 einige Monate  in einem Internierungslager für “enemy aliens” auf der Isle of Man und Sprecher für die 2000 in den Lagern Internierten; die deutschen Flüchtlinge wurden von Bischof Bell und seiner Frau besucht. 1941 mit der Studie „Das Evangelium und die Humanität“ PhD-Promotion (Doctor of Philosophy) in Cambridge. Als Methodist 1946-1951 Geistlicher in Cambridge, 1951-1953 Pastor und Superintendent in Edinburgh, ab 1953 Professor der Theologie an der Drew University in Madison, New Jersey, USA, 1951 inoffizieller Chaplain der Theologiestudenten, 1962 offizieller Beobachter für den World Methodist Council bei der ersten Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils. 1968 Austritt aus der Methodistischen Konferenz. 1969-1983 Chaplain im Marie Curie Fairmile Nursing Home, Edinburgh; zweiter Pfarrer der Gemeinde Slateford-Longstone. Er starb am 25.11.1985 in Edinburgh.

Vita nach:

Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie. Gütersloh 92005, 174, 360, 390, 393, 403, 476f, 657. Recherchen Jørgen Glenthøj 1990. DBW 10, 202, 217, DBW 12, 122, DBW 13, 93, DBW 15, 23.  Der Weg in den Widerstand von Christian Gremmels und Heinrich W. Grosse ©1996 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh

Vita aus:

Leben und Werk

Bonhoeffer heute

Forschung

ibg