Graf Helmuth James von Moltke

Helmuth James Graf von Moltke vor dem Volksgerichtshof, 1945

Attributed to Heinrich Hoffmann.

In Norwegen, das seit April 1940 unter deutscher Besatzung stand, legten im Kirchenkampf gegen die Quisling-Regierung am Ostertag 1942 (5. April) alle Pfarrer ihr Amt nieder. Bischof Eivind Berggrav, der Initiator dieses Widerstands, kam am 8. April in Haft. Davon wurde Helmuth James Graf von Moltke sofort unterrichtet. Die Widerstandsgruppe im Amt Ausland/Abwehr, wohin Moltke 1939 abkommandiert worden war, schickte am 10. April zwei Emissäre auf die Reise nach Oslo, offiziell aus Besorgnis, die Verhaftung des Bischofs könnte eine Gefährdung der Besatzungstruppen heraufbeschwören, insgeheim in der Absicht, die norwegischen Lutheraner in ihrem Kampf zu bestärken. Die Emissäre waren Moltke und Bonhoeffer. Am 15. April kam aus Berlin telegraphisch die Anweisung vom Leiter der Parteikanzlei Martin Bormann, Berggrav zu entlassen. Allerdings wurde er in einer Waldhütte unter Hausarrest gestellt. – Am Abreisetag, Freitag, 10.4.1942, verpassten Moltke und Bonhoeffer die Fähre nach Trelleborg in Saßnitz auf Rügen, gingen dort abends auf Bonhoeffers Wunsch ins Kino Rio (2014 wurde recherchiert, dass sie den Spielfilm Geheimakte W. B. 1 sahen) und machten am Sonnabend, 11.4.1942, einen Vormittagsspaziergang zu den Kreidefelsen von Stubbenkammer, auf dem sie nur einen einzigen Menschen trafen (ein Nachkomme dieses Holzarbeiters erinnerte sich 2014 an die beiden Wanderer). In den Hotels in Malmö, Oslo und Stockholm bis zum 18.4.1942 frühstückten sie immer gemeinsam bei Moltke und erörterten ihr Zusammenspiel während dieses Auftrags. – Bethge gegenüber bemerkte Bonhoeffer, das gemeinsame Reisen sei anregend gewesen, aber wir sind nicht einer Meinung. Was Bonhoeffer von dieser intensiven Begegnung mit Moltke mitnahm, ging ein in das Romankapitel, das er 1943 im Tegeler Gefängnis schrieb. Vorfahren Moltkes mütterlicherseits wanderten aus Schottland nach Südafrika aus, als es 1806 britisch zu werden begann. Der Vater von Dorothy Rose Innes, Moltkes Mutter, war einer der obersten Richter in der Südafrikanischen Union. Moltke fühlte sich in Südafrika heimischer als in Deutschland. Er glaubte nicht, dass ein Attentat auf Hitler das geistige Grundübel beseitigen würde. In Bonhoeffers Roman hat die junge Renate, die die ersten fünfzehn Jahre ihres Lebens in Südafrika, einem britischen Land, glücklich gewesen war, nach einem Jahr in Deutschland immer noch Heimweh nach Südafrika. Der junge Christoph, der in einem Kampf mit Kräften, die jedes Miteinanderleben und -auskommen unmöglich machen, ja unmöglich machen wollen, hartes Vorgehen befürwortet (wie Bonhoeffer das Attentat), wird von Renates Vater gemahnt: Aber Christoph, lieber Christoph, wenn ihr schon hart sein müßt, verherrlicht nicht die Härte! … vielleicht ist es nötig für Deutschland, aber – es ist ein Spiel mit dem Feuer.

Quelle:

Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie. Gütersloh 92005, 845-848. DBW 7, 128f, 181, 184f, 281f; DBW 16, 256-258. S. Dramm, V-Mann Gottes und der Abwehr? Gütersloh 2005, 147ff. Wilfried Schulz Recherchen 201

MOLTKE, HELMUTH JAMES GRAF VON (1907-1945): wurde am 11.3.1907 in Kreisau in Schlesien geboren. 1925 Schulabschluss in Potsdam. Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Breslau, Berlin und Wien übernahm er, 22jährig, die Verwaltung des Familiengutes Kreisau. 1931 Heirat mit Freya Deichmann; zwei Söhne. 1934 Assessor. Anwalt für Völkerrecht und internationales Privatrecht. Häufige Aufenthalte in England. In Kreisau initiierte er ab Mai 1942 Tagungen von Oppositionellen (Kreisauer Kreis), die für die Zeit nach dem Ende des Hitlerregimes kultur- und kirchenpolitische Fragen berieten. 1939 im Amt Ausland/Abwehr beim Oberkommando der Wehrmacht, Unterabteilung VI – Völkerrechtsfragen. Moltke arbeitete mit am Aufbau des Widerstands auf einer breiten sozialen Basis, lehnte jedoch die Anwendung von Gewalt (Attentat auf Hitler) ab. Im Januar 1943 wurde er zusammen mit dem Kreis um das Ehepaar Wilhelm und Johanna Solf gefangen genommen und als Schutzhäftling in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht; Ende September 1944 im Militärgefängnis Berlin-Tegel inhaftiert; im Prozess vor dem Volksgerichtshof 9.-11.1.1945 zum Tode verurteilt, am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Vita aus:

Eschenhagen, Wieland: Moltke, Helmuth James Graf von, in: Microsoft® Encarta® Professional 2002. © 1993-2001 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.

Ludwig  Beck

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