Dietrich Bonhoeffers Hermeneutik der Responsivität.

Aktuelle Meldung vom: 09.02.2015

Dietrich Bonhoeffers Hermeneutik der Responsivität.

Ein Kapitel Schriftlehre im Anschluss an "Schöpfung und Fall"

Bonhoeffers Schriftumgang changiert zwischen rationalem Verstehen und gläubigem Anerkennen, woraus ein Verständnis der Hermeneutik erwächst, das dieselbe als eine Frage nach dem Verstehen der Welt als ganzer und damit des Menschen vor sich selbst und in seinem Verhältnis zur Welt einschließt. Aus theologischer Perspektive geht es dabei dann um nicht weniger als um eine Erschließung der einen Wirklichkeit vor Gott. Wenn Bonhoeffer aber weder die Erkenntnis des einen Gottes noch die der Welt anders denken kann als in der paulinischen Formel des Seins in Christus, beschreibt seine theologische Hermeneutik als solche das Verstehen des Menschen vor Gott. Dieses Verstehen des Menschen aber setzt sich aus einem rezeptiv passiven Stehen in Christus und daraus resultierend überhaupt erst konstruktiv aktivem Sich-selbst-Verstehen zusammen. Die hermeneutisch zentrale Frage nach der Erkenntnis beinhaltet so für Bonhoeffer zugleich ihre Antwort, weil Verstehen ein dialogisches, ein reziprokes Geschehen beschreibt, weil eine Frage ohne Antwort bedeutungslos bleibt.
Und so verwundert es kaum, dass Bonhoeffers theologische Hermeneutik genau genommen keine andere sein kann als eine anthropologische. Weil aber in seinem Verständnis der Schrift als Wort Gottes die Leseanleitung zur Leseaufforderung wird, weil sich in der Erkenntnissuche des Menschen ein Subjekt- und darin Objektwechsel vollzieht, der Mensch also nicht die Schrift auslegt, sondern die Schrift den Menschen, kann man dann wohl zugleich von einer hermeneutischen Anthropologie sprechen. Bonhoeffers Hermeneutik ist damit beides: anthropologische Hermeneutik und hermeneutische Anthropologie, weil ein Verständnis des Wortes Gottes (und d. h. Gottes selbst) nicht ohne ein Verständnis des Menschen vor Gott geschehen kann.
Die vorliegende Studie will damit zeigen, dass die Bibel nach Bonhoeffers Vorstellung der Theologie für die Frage nach ihrer Hermeneutik dabei nur auf den ersten Blick allein als ihr entscheidender Gegenstand dient; sie ist vielmehr noch darüber hinaus das Medium ihrer eigenen Verstehensprozesse. Denn eine wirklichkeitsgemäße Deutung der Welt kann nur eine Auslegung der Schrift meinen, die in ihrer Form nicht bei ihrem Objekt stehen bleibt, sondern das Subjekt mit einbezieht und so die Existenz des Menschen selbst von diesem Text her auslegt. In diesem Geschehen aber wird der Glaube daher nun als ein derartiges Sich-selbst-Verstehen vor Gott überhaupt erst als eine neue Wirklichkeit zwischen Gott und Mensch ermöglicht.
Der Titel dieser Untersuchung beschreibt damit genau ihre inhärente Aufgabenstellung, die zeigen will, dass Dietrich Bonhoeffers Hermeneutik der Responsivität in einem Bibelverständnis gegründet ist, das den Ausleger selbst in den Verstehensraum mit einbezieht, d. h. explizit ihn hineinzieht. Wo der Rezipient zum Rezipierten wird, ereignet sich Gott in der Welt, genauer im Menschen, und da wird die Bibelauslegung zu einem sakramentalen Geschehen des Wortes Gottes, das den Menschen in seinem ganzen Leben zur Antwort als aktive Teilhabe am Reich Gottes aufruft.

Betreuer:

Prof. Dr. Wolfgang Schoberth (FAU Erlangen-Nürnberg)

Prof. Dr. Martin Hailer (PH Heidelberg)

 

Kontakt: Nadine.Hamilton|bei|fau.de

Link zur Publikation

Leben und Werk

Bonhoeffer heute

Forschung

ibg