Bericht vom XIII. Internationalen Bonhoeffer-Kongress

Aktuelle Meldung vom: 27.03.2020

Barcelona 1928

Bericht vom XIII. Internationalen Bonhoeffer-Kongress

 Stellenbosch, Südafrika, 19.-23. Januar 2020

 

Nach dem Jahr 1996 fand im Januar 2020 wieder ein Internationaler Dietrich-Bonhoeffer-Kongress in Südafrika statt. 1996 hatte John de Gruchy den Kongress in Kapstadt organisiert; 2020 lud Robert Vosloo den Kongress ins nahegelegene Stellenbosch ein, eine idyllische Universitätsstadt in den ‚Winelands’ gelegen. Wieder, wie schon 1996, war der Kongress mit über 200 Delegierten aus der weltweiten Bonhoeffer-Gemeinschaft ein voller Erfolg.

Vor dem Kongress veranstaltete John de Gruchy in der Nähe der historischen Walfänger-Stadt Hermanus (ca. eine Autostunde von Stellenbosch entfernt) ein zweitätiges Vorprogramm; hier hatten vor allem Nachwuchswissenschaftler Gelegenheit, ihre Thesen mit international renommierten Bonhoeffer-Forschern wie Clifford Green, Reggie Williams, John de Gruchy oder Jens Zimmermann zu diskutieren. Im Anschluss wurde der XIII. Internationale Bonhoeffer-Kongress mit einem Gottesdienst in Stellenbosch feierlich eröffnet. Die Predigt hielt der Tutu-Nachfolger und amtierende anglikanische Erzbischof von Kapstadt Thabo Makgoba. Er sprach unter anderem die Bedeutung von Bonhoeffers Theologie und Ethik für die Überwindung der Apartheid an, besonders seine Unterscheidung von billiger und teurer Gnade. Während des Gottesdienstes wurde auch ein persönliches Grußwort von Desmond Tutu an die Delegierten des Kongresses verlesen.

Während der vier Kongresstage kamen neben den sechs Hauptrednern aus Südafrika, den USA, Australien und Deutschland über fünfzig Vortragende aus aller Welt zum Thema des Kongresses zu Wort: „How the coming Generation is to go on living? Bonhoeffer and the response to our present crises and hope“. In den Hauptvorträgen wurde das Thema unterschiedlich akzentuiert. Um drei Akzente herauszugreifen: Wolfgang Huber stellte eindrucksvoll den Zusammenhang her zwischen Bonhoeffers Konzept von Wahrheit und den gegenwärtigen Herausforderungen der Digitalisierung; in der Diskussion des differenzierten und anspruchsvollen Vortrags wiederholte der Alt-Bischof und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende sein Plädoyer: „Schreibe nichts im Internet, was du einer Person nicht auch in einem persönlichen Gespräch sagen würdest!“; die Südafrikanerin Pumla Gobodo-Madikesela, selbst ehemaliges Kommissionsmitglied der südafrikanischen Wahrheits-und Versöhnungskommission, erinnerte in ihrem Vortrag an die anhaltende Bedeutung von Vergebung aus der Zeit des Übergangs zur Demokratie in Südafrika und unterstrich den Zusammenhang zwischen intrapersonaler Versöhnung und Kunst. Auf kritische Rückfragen zum Versöhnungskonzept aus den 1990 Jahren, die vor allem junge schwarze Studenten vorbrachten, hob sie überzeugend die Kraft der Vergebung hervor: „Forgiveness is possible“; der australische Theologe Terrence Lovat stellte in seinem Hauptvortrag den Zusammenhang zwischen Bonhoeffer und dem Islam her, und dies weniger im Blick auf inhaltlich-theologische Bezüge. Vielmehr ging es um die Begründung von Widerstand und Terror radikaler Dschihadisten einerseits und dem theologisch begründeten Widerstand gegen Hitler andererseits. Der Publikation der Vormittagsvorträge wie auch der thematisch weitgefächerten Seminarvorträge darf mit Vorfreude entgegengesehen werden.

Einen der Höhepunkte des Kongresses bildete wieder das Exkursionsprogramm. Nachdem der Kongress im Jahr 1996 unvergessliche Eindrücke durch Exkursionen unter anderem auf die ehemalige Gefängnisinsel von Robben Island sowie in das vor Kapstadt gelegene Township Guguletu hinterließ, führte die Exkursion diesmal in das Zentrum Kapstadts, unter anderem zur anglikanischen Kathedrale St. George’s, wo sich zu Apartheidtagen u.a. der kirchliche Widerstand organisierte. John de Gruchy teilte persönliche Erinnerungen an diese Zeit und leitet durch das abwechslungsreiche Programm, das weiter zur Desmond & Lea Tutu Legacy Foundation und zum District Six Museum führte. Die Tutu-Stiftung hat es u.a. mit der Sichtung und Archivierung des reichen Nachlasses des ehemaligen Erzbischofs und Nobel-Preisträgers zu tun. Im nahegelegenen Distric Six Museum berichteten Zeitzeugen über die Vertreibung im Rahmen der Apartheidgesetzgebung. In meiner Gruppe sprach die Zeugin davon, dass sie zu innerem Frieden und Versöhnung mit sich selbst kam, nachdem sie Desmond Tutus Buch zur Vergebung gelesen hatte.

 

Prof. Dr. Ralf Wüstenberg

 

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