Bisher unbekannter Brief entdeckt

Aktuelle Meldung vom: 13.05.2020

 

Bonhoeffers Brief an Mahatma Gandhi von 1934 jüngst entdeckt

 

Dietrich Bonhoeffer hat schon seit seiner Studienzeit den Wunsch gehabt, einmal nach Indien zu reisen. In späteren Jahren ist aus diesem Wunsch ein konkreter Plan geworden. Nicht nur ein allgemeines Interesse des viel gereisten, weltoffenen jungen Theologen an der ihn faszinierenden indischen Kultur und Religion hat ihn dazu motiviert. Vor allem wollte Bonhoeffer Mahatma Gandhi in Indien persönlich kennen lernen, weil er von dessen Lebenspraxis eines „gewaltlosen Widerstands“ tief beeindruckt gewesen ist. Vor Ort und durch eigene persönliche Erfahrungen wollte Bonhoeffer Impulse dieser Bewegung aufnehmen, um in den ihn wie viele andere bedrückenden politischen und kirchlichen Verhältnissen Deutschlands unter den Nationalsozialisten Perspektiven für eine überzeugende und lebendige Friedensethik in der Nachfolge Jesu Christi zu entwickeln.

So kam es Ende 1934 zu einem kurzen Briefwechsel zwischen Bonhoeffer und Gandhi, um die Möglichkeiten eines Besuchs in Indien zu besprechen und eine Einladung Gandhis in seinen Ashram zu erhalten. Der offene, wenn auch nüchtern und knapp gehaltene Antwortbrief Gandhis vom 1. November 1934 ist seit langem bekannt (DBW 13, 213f). Aber der initiale Brief Bonhoeffers mit seiner Anfrage, den er am 17. Oktober 1934 während seiner Zeit als Pfarrer zweier deutscher Gemeinden in London an Gandhi geschrieben hatte - höflich, besorgt und engagiert, galt bisher als verschollen (vgl. DBW 13, 213 Anm. 2). Nun ist er vor kurzem überraschend aufgefunden und von Clifford Green veröffentlicht worden (Dietrich Bonhoeffer’s Letter to Mahatma Gandhi, in: Journal of Ecclisiastical History, Cambridge 2020, 1-9). Clifford Green und Wolfgang Huber, der den ursprünglich englisch geschriebenen Brief ins Deutsche übersetzt hat („Einige Zeit im Ashram verbringen…“, in: zeitzeichen, April 2020), haben den Brief umsichtig biografisch, historisch und theologisch eingeordnet und kommentiert, insbesondere im Blick auf Bonhoeffers Verständnis von Pazifismus und Widerstand.

Bonhoeffers mehrfach geplante Indien-Reise ist letztlich nicht zustande gekommen. Stattdessen hatte er die an ihn herangetragene Aufgabe der Leitung eines Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Zingst / Finkenwalde übernommen. Ein inspirierender Einfluss Gandhis ist geblieben. Für weitere Forschung und Analysen schließt der wiedergefundene Brief nun eine Lücke.

 

Prof. Dr. Hartmut Rosenau, Vorsitzender

 

Brief

 

2020-03-30 Zeitzeichen.online

Wir danken für die Abdruckgenehmigung!

 

Einige Zeit im Ashram verbringen …“

Endlich entdeckt: 1934 schrieb Bonhoeffer an Mahatma Gandhi – er wollte ihn besuchen

Wolfgang Huber

 

Lange hatte man danach gesucht, nun wurde er gefunden: der Brief, den Dietrich Bonhoeffer 1934 an Mahatma Gandhi schrieb. Rechtzeitig zum Bonhoeffer-Gedenken anlässlich des 75. Jahrestages seiner Ermordung liegt dieses wichtige Dokument vor. Die deutsche Übersetzung stammt von zeitzeichen-Herausgeber Wolfgang Huber, der ihn mit einer Einleitung versehen hat und die Hintergründe des Fundes darstellt.

 

Dietrich Bonhoeffer war ein großer Reisender. Von Jugend an nahm er Möglichkeiten wahr, Länder und Menschen, Sitten und Kulturen kennenzulernen. Die Bildungsreise des 18-jährigen Studenten nach Italien und Nordafrika im Jahr 1924, das einjährige Vikariat in Barcelona 1928/29, auf das schon bald lebensentscheidende neun Monate in New York (mit Abstechern nach Kuba und Mexiko) folgten, sowie die eineinhalb Jahre als Pfarrer zweier deutschsprachiger Gemeinden in London bald nach dem Beginn des Kirchenkampfs in Deutschland zeigen, dass Bonhoeffer Gelegenheiten suchte und wahrnahm, um seinen Horizont zu weiten und seine Welterfahrung zu vertiefen. Die Aufgabe als internationaler Jugendsekretär des Weltbunds für Freundschaftsarbeit der Kirchen, die er nach der Rückkehr aus New York 1931 übernahm, schien ihm auf den Leib geschneidert zu sein, war er doch für Skandinavien und Mitteleuropa zuständig und zu entsprechenden Reisen verpflichtet.

Doch kein Reiseplan war Bonhoeffer so wichtig wie das Vorhaben, nach Indien zu reisen und Mahatma Gandhi zu besuchen. Ein erstes Interesse für diesen Vorkämpfer der Gewaltlosigkeit wurde schon in Bonhoeffers früher Studienzeit geweckt. Bereits während des Vikariats in Barcelona trug er sich, vor allem von seiner Großmutter Julie Bonhoeffer unterstützt, mit dem Gedanken, nach Indien zu reisen. Die Beschäftigung mit dem Anführer des gewaltfreien Widerstands gegen die britische Besatzung Indiens setzte sich während des Aufenthalts in New York fort; die Idee, er könne vielleicht direkt von Amerika nach Indien weiterreisen, ließ ihm keine Ruhe.

 

Provozierende Frage

Daraus wurde nichts; doch bald schon verstärkte die Konfrontation mit der Herrschaft Hitlers und die Auseinandersetzung mit den ersten Maßnahmen zur Entrechtung von Jüdinnen und Juden das Interesse an einer Begegnung mit Gandhi. Konnte dessen Methode des gewaltlosen Widerstands dem sich abzeichnenden Kampf gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime die Richtung weisen? Während der ökumenischen Konferenz auf der dänischen Insel Fanø, die vor allem durch seine Proklamation eines Friedenskonzils berühmt wurde, bezog Bonhoeffer sich auf Gandhis Beispiel gewaltfreien Handelns mit der provozierenden Frage: „Müssen wir uns von den Heiden im Osten beschämen lassen?“ Die Hoffnung auf die Möglichkeiten gewaltfreien Widerstands verband sich mit einer wachsenden Skepsis gegenüber der Entwicklung des Christentums in Deutschland, ja im Westen insgesamt. „Da ich täglich mehr der Überzeugung werde, dass es im Westen mit dem Christentum sein Ende nimmt – jedenfalls in seiner bisherigen Gestalt und seiner bisherigen Interpretation – möchte ich, bevor ich nach Deutschland zurückkehre, gern noch mal in den Osten“ – so beschrieb der Londoner Pfarrer Anfang 1934 seine Gemütslage in einem Brief an seinen Bruder Karl Friedrich.

Nicht nur politische, sondern insbesondere spirituelle Ermutigung erhoffte er von Gandhi und seiner Bewegung. Es war eine Hoffnung gegen die Resignation, die ihn in London umtrieb. An seinen New Yorker Studienfreund Erwin Sutz schrieb er im April desselben Jahrs: „Wie lange ich Pfarrer und in dieser Kirche bleibe, weiß ich nicht. Vielleicht nicht mehr lange. Ich möchte im Winter nach Indien.“ Der Quäker Charles Freer Andrews, ein Freund Gandhis, den Bonhoeffer im Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen kennengelernt hatte, ermutigte ihn zu Begegnungen mit Personen in Großbritannien, die mit Gandhis gewaltlosem Widerstand vertraut waren. Andrews unterstützte Bonhoeffers Reiseplan ebenso wie der anglikanische Bischof von Chichester George Bell, der für Bonhoeffer während der Zeit in London zu einem vertrauten Freund wurde. Andrews wie Bell wandten sich in Empfehlungsbriefen an Gandhi. Auch durch diese Unterstützung nahm das Vorhaben konkretere Gestalt an. Bonhoeffer wollte, wie sich aus dem jetzt aufgefundenen Brief erschließen lässt, zusammen mit Herbert Jehle reisen, einem damals in Cambridge wohnenden Physiker und Pazifisten, der in Berlin Bonhoeffers Vorlesungen gehört hatte und zu dem engeren Kreis gehörte, der aus dieser Hörerschaft entstanden war.

Im Oktober 1934 schien Bonhoeffer die Zeit reif dafür zu sein, selbst an Gandhi zu schreiben und darum zu bitten, dass er ihn in seinem Ashram besuchen dürfe. Der Brief galt bisher als unauffindbar; nur Gandhis Antwort war bekannt. Nun hat der indische Historiker Ramachandra Guha ihn in den Gandhi Papieren im Nehru Memorial Museum & Library in New Delhi entdeckt. Er berichtet über ihn im zweiten Band seiner Gandhi-Biografie, der 2018 im Verlag Knopf (New York) erschienen ist. Darauf wurde Clifford Green aufmerksam, renommierter Bonhoeffer-Forscher und Mitherausgeber der englischen Übersetzung der „Dietrich Bonhoeffer Werke“, der gegenwärtig als Gastprofessor am Dietrich-Bonhoeffer-Lehrstuhl des Union Theological Seminary in New York tätig ist. Er erbat und erhielt von Ramachandra Guha eine Kopie der englischen Originalfassung, die er im Journal of Ecclesiastical History (Cambridge University Press) veröffentlichen wird. Ich bin Clifford Green und der Cambridge University Press sehr dankbar für die Möglichkeit, den von Bonhoeffer eigenhändig auf der Schreibmaschine geschriebenen Brief in meiner deutschen Übersetzung hier zu veröffentlichen. Die Entdeckung und Veröffentlichung dieses wichtigen Briefs verleiht der 75. Wiederkehr von Dietrich Bonhoeffers Todestag einen besonderen Akzent.

 

Zweifel am Weg der Kirche

Der Brief lässt erkennen, wie aufgewühlt Bonhoeffer im Jahr 1934 war. Die Vorstellung, in London Abstand von den deutschen Verhältnissen zu gewinnen, hatte sich als trügerisch erwiesen. Er blieb in die kirchlichen Kämpfe in Deutschland verstrickt. Sein Zweifel an Gestalt und Weg der evangelischen Kirche – und zwar auch der Bekennenden Kirche – verschärfte sich. In dem Brief an Gandhi tritt die Hoffnung auf geistliche Klarheit im Blick auf die Zukunft der Kirche noch deutlicher hervor als die Erwartung, die praktischen Möglichkeiten gewaltfreien Widerstands zu erkunden, um herauszufinden, ob sie auf den Widerstand in Hitler-Deutschland übertragbar waren. Sehr bald sollte Bonhoeffer zu der Erkenntnis kommen, dass die Zeit für eine solche Möglichkeit vorüber war.

Es dauerte nur zwei Wochen, bis Gandhi am 1. November eine Antwort verfasste, die im Band 13 der „Dietrich Bonhoeffer Werke“ (213f.) zugänglich ist. Gandhi redet Bonhoeffer als „lieben Freund“ an, beschränkt sich jedoch vollständig auf die praktischen Fragen des geplanten Besuchs. Verglichen mit der inneren Erregung, die aus Bonhoeffers Brief spricht, ist Gandhis Antwort geradezu von pragmatischer Nüchternheit. Doch sie enthält eine klare Einladung, an Gandhis Leben aus der Nähe teilzunehmen, solange er nicht im Gefängnis oder auf Reisen sein würde.

Bonhoeffer ist dieser Einladung, für die er „jedes mögliche Opfer“ zu bringen bereit war, schließlich nicht gefolgt. Statt Gandhi in seinem Ashram in Indien aufzusuchen, gründete er, wie Eberhard Bethge bemerkte, seinen eigenen Ashram in Pommern, das von Bonhoeffer geleitete Predigerseminar in Finkenwalde. Die Aufgabe, Pfarrer auszubilden, die etwas gegen die geistliche Auszehrung der Christenheit in Deutschland tun und sie dadurch auch zum Widerstand fähig machen könnten, war für ihn dringlicher. Diese Revision eines so lange und so intensiv vorbereiteten Plans ist von vergleichbarer Bedeutung wie die Entscheidung des Jahres 1939, von der Möglichkeit einer sicheren Zuflucht in den USA keinen Gebrauch zu machen, sondern nach Deutschland zurückzukehren. Beide Entscheidungen zusammen gehören zu dem Weg, der in dem Justizmord von Flossenbürg endete.

 

 

Deutsche Übersetzung des Briefes von Wolfgang Huber

 

Pastor Lic. Dietrich Bonhoeffer

23, Manor Mount. S.E 23.London. 17. Oktober 1934

Verehrter Mahatmaji!

Es geschieht auf Grund der außerordentlich bestürzenden Situation in den europäischen Ländern und in meinem eigenen Land, Deutschland, dass ich es wage, mich persönlich an Sie zu wenden; und ich hoffe, Sie werden mir das verzeihen. Ich habe lange Zeit gewartet, aber nun haben die Dinge sich so zugespitzt, dass ich es nicht für gerechtfertigt halte, länger zu warten. Wie ich weiß, haben Sie ein offenes Ohr für jede Notlage, wo auch immer sie auftritt; deshalb vertraue ich darauf, dass Sie es nicht ablehnen, mir Hilfe und Rat zuteil werden zu lassen, obwohl Sie mich nicht kennen, und mir meine Fragen nachsehen.

Die große Not in Europa und besonders in Deutschland besteht nicht in der wirtschaftlichen und politischen Unordnung, sondern es geht um eine tiefe geistliche Not. Europa und Deutschland leiden unter einem gefährlichen Fieber und sind dabei, sowohl die Selbstkontrolle als auch das Bewusstsein für das zu verlieren, was sie tun. Die heilende Kraft für alle menschliche Bedrängnis und Not, nämlich die Botschaft Christi, enttäuscht immer mehr nachdenkliche Menschen auf Grund ihrer gegenwärtigen Organisationsform. Gewiss gibt es hier und dort einzelne Christenmenschen, die das ihnen Mögliche tun, um die organisierte Christenheit zu einer grundlegenden Erneuerung zu bewegen; aber die meisten organisierten Körperschaften der christlichen Kirchen wollen die tatsächliche Herausforderung nicht wahrnehmen. Als christlicher Pfarrer finde ich diese Erfahrung enttäuschend und niederdrückend. Ich habe keinen Zweifel daran, dass nur wahres Christentum unseren westlichen Völkern zu einem neuen und geistlich gesunden Leben verhelfen kann. Aber die Christenheit muss sehr anders werden, als sie sich gegenwärtig darstellt.

 

Es hat keinen Sinn, die Zukunft vorauszusagen, die in Gottes Hand liegt; aber wenn uns nicht alle Zeichen täuschen, läuft alles auf einen Krieg in naher Zukunft hinaus; und der nächste Krieg wird gewiss den geistlichen Tod Europas zur Folge haben. Deshalb brauchen wir in unseren Ländern eine wirklich geistlich geprägte und lebendige christliche Friedensbewegung. Die westliche Christenheit muss aus der Bergpredigt neu geboren werden; das ist der entscheidende Grund dafür, dass ich Ihnen schreibe. Aus all dem, was ich von Ihnen und Ihrer Arbeit weiß, nachdem ich Ihre Bücher und Ihre Bewegung über einige Jahre studiert habe, schließe ich, dass wir westlichen
Christinnen und Christen von Ihnen lernen sollten, was mit dem Wirklichwerden des Glaubens gemeint ist und was ein Leben erreichen kann, das dem politischen Frieden und dem Frieden zwischen ethnischen Gruppen gewidmet ist. Wenn es irgendwo ein sichtbares Beispiel für das Erreichen solcher Ziele gibt, sehe ich es in Ihrer Bewegung. Ich weiß selbstverständlich, dass Sie kein getaufter Christ sind; doch die Menschen, deren Glauben Jesus pries, gehörten zumeist auch nicht zu der offiziellen Kirche ihrer Zeit. Wir haben große Theologen in Deutschland – der größte von ihnen ist nach meiner Überzeugung Karl Barth, dessen Schüler und Freund ich glücklicherweise bin –, die uns von neuem die großen theologischen Gedanken der Reformation lehren; aber keiner zeigt uns den Weg zu einem neuen christlichen Leben in kompromissloser Übereinstimmung mit der Bergpredigt. In dieser Hinsicht suche ich bei Ihnen Hilfe.

Die große Bewunderung, die ich für Ihr Land, seine Philosophie und seine Führer, für Ihr persönliches Wirken unter den Ärmsten Ihrer Mitmenschen, für Ihre erzieherischen Ideale, für Ihr Eintreten für Frieden und Gewaltlosigkeit, für die Wahrheit und ihre Kraft empfinde, hat mich dazu gebracht, dass ich unbedingt im nächsten Winter nach Indien kommen möchte – und zwar zusammen mit einem Freund, der durch die gleichen Gedanken und Fragen bewegt ist. Er ist Physiker und Ingenieur. In ganz Europa bin ich gereist und habe ich gelebt. Ich fuhr in die USA, um zu finden, wonach ich suchte; doch ich fand es nicht. Ich möchte mir nicht selbst vorwerfen müssen, dass ich eine große Gelegenheit in meinem Leben versäumt habe, um die Bedeutung christlichen Lebens, eines wirklichen Gemeinschaftslebens, von Wahrheit und Liebe in der Wirklichkeit zu verstehen. Die Frage, die ich Ihnen vorlegen möchte, ist, ob ich die Erlaubnis erhalte, mit Ihnen einige Zeit in Ihrem Ashram zu verbringen, um Ihre Bewegung zu studieren. Ich habe kein Vertrauen in kurze Interviews, sondern bin davon überzeugt, dass man miteinander leben sollte, wenn man einander kennenlernen möchte. Ich habe jetzt genug Geld gespart, um meine Reise zu bezahlen, müsste aber in Indien sehr billig leben. Halten Sie das für möglich? Ließe sich beispielsweise eine zu Ihrer Bewegung gehörende Familie finden, bei der ich wohnen könnte, und wäre eine Art von Hauslehrertätigkeit für deren Kinder eine mögliche Gegenleistung? Natürlich ist diese Frage von geringerer Bedeutung als mein großer Wunsch, Ihre Bewegung kennenzulernen – ein Vorhaben, für das ich jedes mögliche Opfer zu bringen bereit wäre.

Ich bin 28 Jahre alt, Deutscher, Dozent der Theologie an der Berliner Universität, gegenwärtig Pfarrer von zwei deutschen Gemeinden in London. Zugleich bin ich internationaler Jugendsekretär des Weltbunds für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen; in der ökumenischen Bewegung arbeite ich seit einigen Jahren, woraus viele gute Freundschaften erwachsen sind. Ich habe einige Bücher geschrieben – über die Lehre von der Kirche, über Schöpfung und Fall – und erlaube mir, Ihnen mit getrennter Post einen sehr kurzen englischsprachigen theologischen Artikel zu schicken, den ich vor drei Jahren in den USA geschrieben habe.

Nun möchte ich Sie nicht länger für meine Angelegenheiten in Anspruch nehmen. Eine Antwort von Ihnen erwarte ich mit großer Spannung. Ich füge einen Brief von Mr. C. F. Andrews bei. Auch den Bischof von Chichester, Dr. Bell, habe ich gebeten, Ihnen ein paar Worte über mich zu schreiben.

Nochmals bitte ich Sie um Entschuldigung dafür, dass ich mich persönlich an Sie gewandt habe. Ich verbleibe, verehrter Mahatmaji, sehr ehrerbietig.

Ihr mit Ihnen verbundener

Dietrich Bonhoeffer

 

 

 

Gandhis Antwort vom 1. November 1934

 

Lieber Freund

 

Ihren Brief habe ich erhalten. Wenn Sie und Ihr Freund genug Geld für die Rückreise haben und für Ihre hiesigen Unkosten von, sagen wir, 100 Rupien pro Person und Monat, aufkommen können, mögen Sie kommen., wann immer es Ihnen beliebt. Je eher, desto besser, damit Sie in den Genuß solch kühlen Wetters kommen, wie wir es hier haben. Die 100 Rupien pro Monat habe ich als die äußerste Grenzer veranschlagt für jemanden, der einfach zu leben weiß. Vielleicht kostet es Sie nur halb so viel. Alles hängt davon ab, wie Ihnen das Klima hier bekommt.

Im Blick auf Ihren Wunsch, an meinem täglichen Leben teilzunehmen, möchte ich Ihnen sagen, daß Sie sich bei mir aufhalten können, wenn ich nicht im Gefängnis bin und an einem festen Ort verweile, wenn Sie kommen. Andernfalls, wenn ich auf Reisen bin oder im Gefängnis, müßten Sie sich mit dem Aufenthalt in oder bei einer der Einrichtungen begnügen,, die unter meiner Aufsicht geführt werden. Wenn Sie in einer dieser Einrichtungen, an die ich denke, wohnen mögen und von der einfachen vegetarischen Kost leben können, die diese Einrichtungen ihnen bieten können, brauchen Sie für Verpflegung und Unterkunft nichts zu zahlen.

Ihr ergebener

Gandhi

[DBW 13, 213f. / 499f.]

 

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