Wir trauern um Mechthild und Dr. Christian Löhr

Aktuelle Meldung vom: 16.02.2021

Nachruf Mechthild und Dr. Christian Löhr

 

„Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: ob wir leben oder sterben - wir sind des Herrn!“ (Röm 14,8)

 

Wir trauern um das Ehepaar Mechthild Ilse Dorothee und Dr. Christian Georg Gerhard Löhr. Sie sind an den schlimmen Folgen eines tragischen Brandunfalls, der sich am 2. Februar zum Abschluss der Epiphaniaszeit in ihrer Wohnung am Walther-Rathenau-Platz 14 in Brandenburg zugetragen hat, nach einigen Tagen im künstlichen Koma in einem Berliner Krankenhaus gestorben - sie im Alter von 76 Jahren am 14. Februar, er nur einen Tag später am 15. Februar 2021 im Alter von 75 Jahren. Im Leben wie im Tod, in der Liebe wie im Schmerz sind sie vereint und unzertrennlich geblieben.

Wir können es noch immer nicht fassen, dass die beiden langjährigen und verdienten Mitglieder unserer Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, vielen von uns gute Bekannte und liebe Freunde, nicht mehr unter uns sind. Es ist uns kaum vorstellbar, dass wir sie nicht mehr auf unseren Tagungen treffen, ihre vertrauten Stimmen nicht mehr hören, nicht mehr mit ihnen sprechen, nachdenken, planen, diskutieren, Sorgen teilen, lachen und feiern können. Möge Gott beide, nach diesem so plötzlichen und uns wie alle Angehörigen erschütternden Tod in den Frieden und die Gemeinschaft seines Reiches aufnehmen. Wir wollen sie in unserem Andenken bewahren, dankbar dafür, dass wir mit diesen beiden wunderbaren Menschen manche Wegstrecke zusammen gehen konnten. Dass beide in ihrem Glauben an den auferstandenen Christus gelebt haben und gestorben sind, ist uns ein Trost in aller Traurigkeit.

Christian und Mechthild Löhr, geb. Pfannschmidt, sind beide als Pfarrhaus-Kinder und Jugendliche im christlichen Glauben aufgewachsen und erzogen worden. Geboren wurde Mechthild am 14. April 1944 in Groß Kiesow in Vorpommern als neuntes und jüngstes Kind, Christian als Einzelkind am 1. Mai 1945 in Görlitz. Sie waren durch die harte Nachkriegszeit geprägt und erlebten ihre Schul- und Studienzeit im sozialistischen Osten unter schwierigen Bedingungen. Es ging nicht alles nach Wunsch und Plan. Kennen gelernt hatten sie sich auf dem Reformationsfest in Wittenberg 1967 und im gemeinsamen Theologiestudium in Naumburg. Seit 1971 waren sie miteinander verheiratet und standen nun kurz vor ihrer Goldenen Hochzeit. Als liebevolle wie fürsorgliche Eltern dreier Kinder und später auch als ebensolche Großeltern einiger Enkelkinder verband sie in ihrer langen gemeinsamen Ehe-, Familien- und Berufszeit sicherlich sehr vieles, Schönes wie Schweres. Theologisch verband sie vor allem die Begeisterung für Dietrich Bonhoeffer. Hier fanden die examinierte wie ordinierte evangelische Theologin und der examinierte wie zusammen mit seiner Frau ordinierte evangelische Theologe wesentliche Denkanstöße und Impulse. Hier fanden sie Orientierungshilfen, sich und ihre Arbeit als Pfarrerin und Pfarrer (zunächst in Schwarzenberg / Erzgebirge 1971-1989 und dann in Brandenburg an der Havel 1989-2010) in ihren jeweiligen gesellschaftlichen und politischen Lebenszusammenhängen mit wachem Geist und offenem Blick und in unterschiedlichen kirchlichen Funktionen und Ämtern, auch im Theologischen Ausschuss der Landessynode der EKiBB, immer wieder kritisch zu reflektieren. Hier war ein Vorbild für ihren geradlinigen Weg in verbindlicher Nachfolge Christi zu finden, oft auch gegen den Strom. Das ist für sie in der damaligen DDR bestimmt alles andere als einfach, und für sich wie für andere nicht immer bequem gewesen.

Das Bestreben, Kirche und Politik, persönlichen Glauben und gesellschaftliche Praxis in einem gemeinsamen Wirklichkeitszusammenhang wahrzunehmen, kommt auch im Thema der theologischen Doktorarbeit von Christian Löhr prägnant zum Ausdruck, die er 1983 abgeschlossen hatte: „Die Veränderung der Welt durch das Wort vom Kreuz - Überlegungen zu den politischen Konsequenzen des Evangeliums in einer nachrevolutionären Welt“.

Seine Bonhoeffer-Begeisterung brachte Christian Löhr 1979 dazu, Gründungsmitglied des Bonhoefferkomitees beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, seit 1992 Vorstandsmitglied und dann von 1996 an bis zu seinem Tod stellvertretender, zwischendurch, von 2006 bis 2008, auch amtierender Vorsitzender unserer deutschsprachigen Sektion der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft zu werden. Hier eine besondere Aufmerksamkeit auf die bleibende Bedeutung Bonhoeffers für Theologie, Kirche und Gesellschaft in der DDR und nach 1990 in der Bundesrepublik zu lenken, um der Freiheit des Glaubens willen geschichtsbewusst und wachsam zu bleiben gegenüber dem Staat, ist ihm immer wieder ein ganz persönliches Anliegen gewesen - mit der Ökumene im Herzen und entsprechendem Handeln vor Ort. Dadurch, und nicht zuletzt als verantwortlicher, zuverlässiger, kontakt- und planungsfreudiger Redakteur des immer pünktlich erscheinenden Rundbriefes unserer Gesellschaft seit 2011, hat er mit seiner Ehefrau Mechthild an der Seite wie kaum jemand sonst die Arbeit der ibg voran gebracht und ihr auch mit seinem Gespür für angemessene Sprache und klare Worte ein erkennbares Profil gegeben - so wie sie mit der ansteckenden Fröhlichkeit ihrer ausgleichenden Art und ihrer zurückhaltenden Nachdenklichkeit die Atmosphäre in der Familie, in der Gemeinde und auch auf unseren Jahrestagungen geprägt hat.

Neben seiner unermüdlichen und leidenschaftlichen Arbeit für die ibg hat sich Christian Löhr seit 2004 zusätzlich noch im Kuratorium wie auch im Vorstand des Bonhoeffer-Hauses in Berlin engagiert - immer und überall in einer für ihn typischen Verbindung von wissenschaftlicher Akribie, Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, persönlicher Entschiedenheit, aber auch raumgebender Toleranz. Humorvoll, freundlich und Menschen offen zugewandt waren beide, sensibel aufgeschlossen gegenüber Kunst, Musik und Literatur, achtsam im Umgang miteinander und mit anderen. Neben Dietrich Bonhoeffer war es noch der katholische Priester, Kirchenhistoriker und Schriftsteller Joseph Wittig aus Schlesien, der Christian Löhr, den von Prof. Dr. Martin Seils (Naumburg) in Systematik promovierten akademischen Theologen, besonders persönlich angesprochen und lange Jahre wissenschaftlich beschäftigt hat. Zu Bonhoeffer hat Christian Löhr  viel und Wichtiges publiziert, auch Materialien für den katechetischen Unterricht. Auch dieser lag ihm wie mehr noch Mechthild Löhr am Herzen, die nach der „Wende“ zwar nicht mehr in ein offizielles Pfarramt übernommen werden konnte, aber als Katechetin weiter theologisch und religionspädagogisch mit ihrem Ehemann zu seiner vielfältigen Unterstützung in der St. Gotthardt- und Christuskirchengemeinde in Brandenburg auch pfarramtlich und seelsorgerisch gearbeitet hat.

Auch zu Wittig hat Christian Löhr einige Beiträge veröffentlicht, und eine umfangreiche Wittig-Monografie, die zum Herbst im Peter Lang - Verlag erscheinen wird, hatte er noch im Januar fertig gestellt. Eine letzte Korrektur-Durchsicht des Manuskripts konnte er jedoch nicht mehr selbst vornehmen. Sein Sohn Gerhard Löhr hat sie übernommen. Die Lebenswege von Mechthild und Christian Löhr sind nun plötzlich abgebrochen; was immer sie sich noch vorgenommen haben mögen, es kommt nun hier, im „Vorletzten“, nicht mehr zur Vollendung. Vor und bei Gott aber wird es kein Zuviel oder Zuwenig geben, sondern nur Wesentliches.

Als eine Art vorzeitiges Vermächtnis hat uns Christian Löhr neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten eine Sammlung von Predigten, Briefen und Betrachtungen unter dem für ihn bezeichnenden Titel „In jedem Ende steckt ein neuer Anfang“ hinterlassen, geschrieben im Schwellenjahr 1990, gedruckt im Eigenverlag 2019. In einer solchen Glaubensgewissheit, die sich an Jesu Christi Tod und Auferstehung festhält, „müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein“, wie Dietrich Bonhoeffer es einmal gesagt hat.

 

Prof. Dr. Hartmut Rosenau, Vorsitzender der ibg

 

 

Der Trauergottesdienst ist als Telefongottesdienst nachzuhören unter der Telefonnummer 03381/3207034,
aber auch online nachzulesen: Link

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