Zivilcourage ist nötig

Aktuelle Meldung vom: 03.03.2012

Der Vorstand der ibg hat in seiner Sitzung am 03.03.12 folgende Erklärung beschlossen:

Zivilcourage ist nötig

Öffentliche Erklärung der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion

Die Internationale Bonhoeffergesellschaft der Bundesrepublik Deutschland hält das Vermächtnis Dietrich Bonhoeffers lebendig. Dieser Pfarrer und Theologe beteiligte sich aus christlicher Überzeugung am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg ermordet. Sein Andenken lebendig zu halten bedeutet: nicht zuzulassen, dass sich heute in Deutschland wieder der Ungeist von Menschenverachtung, Antisemitismus und fanatischem Nationalismus ausbreitet. Wo dieser Ungeist wuchert, lassen Gewalt und Mordlust nicht lange auf sich warten. Die Zwickauer Terrorzelle, die sich Nationalsozialistischer Untergrund nannte, hat das auf erschreckende Weise bestätigt. Die Hasspropaganda, die sie zu ihren Verbrechen anstiftete, und die auf Rassismus beruhenden Vorurteile gegen andere Menschen tragen die NPD und ihr nahe stehende Gruppierungen nach wie vor in unser Land und vergiften damit das gesellschaftliche Leben.

Als eine Gesellschaft, die sich Dietrich Bonhoeffer verpflichtet weiß, können wir dazu nicht schweigen. Wir appellieren darum an alle Menschen in unserem Land, die Erinnerung lebendig zu halten, zu welchen Verbrechen jener Ungeist schon einmal angestiftet hat. Die wenigen Menschen, die dem – wie Dietrich Bonhoeffer – Widerstand leisteten, sollten uns ein Vorbild sein, dem Hass auf Menschen mit einer anderen Kultur, einer anderen Religion oder einer anderen Lebensweise entgegenzuwirken. Was wir brauchen, ist Zivilcourage aller Bürgerinnen und Bürger. Sie war die Tugend, die Bonhoeffer bei den Deutschen am meisten vermisst hat, als die Saat des Hasses aufging. Wegschauen und Verharmlosen unterstützt die Ausbreitung von Unmenschlichkeit und Gewalt. Es bedarf des eigenen, persönlichen Mutes, die Stimme zu erheben, wo immer unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger wegen ihres Glaubens, ihrer Weltanschauung, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Volkszugehörigkeit oder ihrer sozialen Stellung ausgegrenzt, verächtlich gemacht, verspottet und tätlich angegriffen werden. Es gilt, dagegen öffentlich zu protestieren. Aber nicht nur das.

Versatzstücke von rechtsradikalem Gedankengut geistern in vielerlei Gestalt in unserer Gesellschaft herum. Wir dürfen uns keine Illusionen darüber machen, auf wie vielen zunächst unscheinbaren Wegen sich das Gift des Hasses auf Menschen, die als Fremde oder als Schmarotzer gebrandmarkt werden, unter uns ausbreitet. Wo Kinder abschätzig über Juden, Muslime und Asis auf Schulhöfen reden, wo sie dergleichen Bezeichnungen als Schimpfworte gegeneinander benutzen, sind Eltern wie Lehrerinnen und Lehrer gefordert, andauernde Aufklärung zu leisten. Wo in Betrieben, in Vereinen, an Stammtischen, auf der Straße, aber auch im Bekannten- und Freundeskreis Ressentiments gegen Ausländer laut werden, die sie verächtlich machen, sollten Menschen da sein, die dem entschieden widersprechen.

Zivilcourage bedeutet: Das Eintreten für die Menschenwürde aller Menschen, die in unserem Lande leben, muss zur Selbstverständlichkeit werden. Die Achtung der Menschenwürde jedes Einzelnen, welche die Verfassung unseres Landes prägt, darf nicht nur als ein passiv zu genießendes Gut verstanden werden. Sie muss sich aktiv im Eintreten für die bewähren, die unter Fremdenhass, Rassenwahn und Menschenverachtung zu leiden haben.

Für Bonhoeffer war dieses Eintreten für diskriminierte und verfolgte Menschen lebensgefährlich. Wir können heute Widerspruch gegen das als böse Erkannte äußern und gegenüber dem Bösen Widerstand leisten, ohne um unser Leben fürchten zu müssen. Wir haben höchstens mit Anfeindungen zu rechnen, weil Verstockung und Unbelehrbarkeit zum Wesen menschenverachtender Ressentiments gehören.

Zivilcourage bedeutet angesichts dessen: dem Bösen nicht nur mit Worten, sondern auch mit überzeugendem Verhalten Stand zu halten. Es gilt, das dumpfe Brodeln des Hasses auf andere angeblich verachtenswerte Menschen und Menschengruppen durch einen respektvollen und achtsamen Umgang mit ihnen sowie durch klare Taten der Solidarität zu überwinden.

Für andere einzutreten, war für Dietrich Bonhoeffer das Wesen eines christlichen, eines wahrhaft menschlichen Lebens. Von ihm können wir lernen: Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen angesichts des Bösen sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Schwestern und Brüder, um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden. Deshalb appellieren wir in seinem Geiste an die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes und bitten sie, den Menschen tagtäglich zur Seite zu stehen, die durch Vorurteile und Ressentiments aus unserer Gesellschaft ausgestoßen werden sollen.

V.i.S.d.P.:
Vorsitzende der Internationale Bonhoeffer-Gesellschaft, Deutschsprachige Sektion
Prof. Dr. Christiane Tietz, Evangelisch-theologische Fakultät, Saarstraße 21, 55099 Mainz

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