Prof. Dr. M. Miyata hat Gedanken zu Gedichten („verdeuscht“ von Dr. Ilse Tödt/Hannover) einst 2019 veröffentlicht in: Dietrich Bonhoeffer – Das Leben und Denken des Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus (Iwanami-Taschenbuch der Gegenwart, Tokyo 2019).
Diese Interpretationen der Gedichte Dietrich Bonhoeffers von Prof. Miyata werden zum ersten Mal in Deutsch veröffentlicht.
Selbstanalyse in den Gefängnisgedichten
Die Erfahrung von Festnahme und Inhaftierung stellte Bonhoeffer in eine völlig neue Situation. Sie, forderte ihn heraus, sich zu bislang Unbekanntem zu verhalten. Die Verbindung zur Familie wie auch die lebendige Gemeinschaft mit vertrauten Freunden und Gefährten war ihm entzogenen. Die Taktik der NS-Behörden bestand darin, die Gefangenen durch Einzelhaft einem außergewöhnlichen Schock auszusetzen, um so den Widerstandswillen zu brechen. Bald nach der am 5. April 1943 erfolgten Gefangennahme, bereits im Mai, hielt Bonhoeffer auf Zetteln in hastig niedergeschriebenen Notizen seine innere Erregung fest:
„Trennung von Menschen
von der Arbeit
von der Vergangenheit
von der Zukunft
von der Ehre
von Gott
Verschiedene seelische Strukturen des Verhaltens zur Vergangenheit …“
Nun blieben ihm lediglich der von den Behörden genehmigte Briefwechsel und kurze Sprecherlaubnisse mit Besuchern unter Aufsicht. In diesen ersten Monaten bemühte sich Bonhoeffer, seine Lebensgeschichte im Rückblick festzuhalten: die familiäre Prägung, die ihm vermittelte Bildung und seine Glaubenserfahrungen. Sich die Kindheit und Jugend in Erinnerung zu rufen, war bei ihm keine Flucht aus der Wirklichkeit hier und jetzt. Vielmehr diente dieses „regressive“ Unternehmen ihm dazu, sich sein Gewordensein zu vergegenwärtigen, seine Identität neu wahrzunehmen und sie zu festigen. Dies aktvierte seinen Lebenswillen und und wappnete ihn gegen die schlaue Gewalt, die danach trachtete, durch Zerrüttung des Selbst Unterwerfung und Geständnisse zu erzwingen…
