Wie geht „Nachfolge“ Jesu Christi heute? - eine Notiz zum Umgang mit dem Werk Dietrich Bonhoeffers im Kontext der Diskussion um die Friedensfrage
„Wir Zweitschlag-Christen. Die ‚atomare Abschreckung‘ und die Naivität der neuen Friedensdenkschrift der EKD“[1]. Unter diesem provokanten Titel hat jüngst der emeritierte Jenaer Theologieprofessor Michael Trowitzsch eine flammende Einrede insbesondere gegen eine der zentralen und strittigen Thesen in der EKD-Friedensdenkschrift[2] veröffentlicht. Es geht um die dort für denkbar gehaltene Unterscheidung einer Ächtung von Atomwaffen einerseits und „nukleare/r Abschreckung als zu überwindende(m) Dilemma“[3]. Da heißt es neben einander: „Hinter die Ächtung von Atomwaffen, wozu auch die Androhung eines nuklearen Schlags gehört, gibt es kein ethisches Zurück. Atomwaffen sind gerade vor dem Hintergrund der zweiten und dritten Dimension des Leitbilds des Gerechten Friedens[4] in keiner Weise ethisch zu legitimieren“[5]; und: „Der Besitz von Nuklearwaffen kann sicherheitspolitisch notwendig sein, auch wenn ihr Einsatz durch nichts zu rechtfertigen ist.“[6]
Rein sprachlich fällt in der Argumentation von WiU eine gewisse Unklarheit auf zwischen (theologisch eruierter?) „ethischer“ und (theologisch eruierter?) „sicherheitspolitisch(er) Betrachtung. Ich fokussiere mich auf einen vermeintlichen Neben-Schauplatz am Ende von Michael Trowitzsch‘ Einrede. Das ist dann mittelbar auch ein Wort zur Sache. Trowitzsch beschließt seine Einrede so:
„In Wirklichkeit gibt es nur Bonhoeffers ‚einfältigen Gehorsam‘ (so ein ganzes Kapitel in seiner Bergpredigt-Auslegung). ‚Die Bergpredigt ist dazu da, dass sie getan wird‘, schreibt er in wunderlicher Einfalt. In einem Buch mit dem ungeheuerlichen Titel ‚Nachfolge‘. Es hilft nichts: Diese Denkschrift dokumentiert ein schlimmes Versagen der evangelischen Kirche.“[7] Vorher hieß es z. B.: „Wir Christen? Nach dieser Denkschrift sind wir dabei. Die Warnung des Apostels ‚Stellt euch nicht dieser Welt gleich‘ wird jetzt erneut ausgeschlagen. Praktiziert wird die reine Anpassung an den waffengläubigen Zeitgeist [...] Uns Zweitschlag-Christen schreckt die Gefahr keineswegs, den Fortbestand aller Erdendinge aufs Spiel zu setzen. Die ganze Welt ins Unheil zu stürzen. Einen nuklearen Winter heraufzuführen, die Auslöschung allen Lebens auf der Erde.“[8]
Auch hier ließen sich – wie gegenüber Sprache und Argumentation in der EKD-Friedensdenkschrift (s.o.) – Fragen stellen, welches „Wir“ („Wir Zweitschlag-Christen“) der Autor meint und woher er so genau weiß, was „uns“ nicht schreckt, aber seiner Ansicht nach (zu Tode) erschrecken sollte. Andererseits will hier jemand „uns“ provozieren, aufrütteln, wecken, weil er befürchtet, dass es dringend Zeit sei, sich zu erheben gegen die nukleare Gefahr. Da muss man die Worte und Satzkonstruktionen nicht zu genau nehmen; denn auf den Affekt und Effekt kommt es am Ende an. Oder?
Jedenfalls muss am Ende noch „unser“ protestantischer „Heilige“ (W. Huber) zu Wort kommen. Suggeriert wird, dass die Lesenden schon wissen, was Bonhoeffer da gesagt und gemeint hat. Etwa das, was der Autor gesagt hat. Ein Zitat wird gebracht ohne Quellenangabe. Mit geistiger und vor allem moralischer Autorität segnet Dietrich Bonhoeffer jedenfalls das Gesagte ab.
Denkste. So geht es tatsächlich nicht, will man – Bonhoeffer zitierend – „intellektuell redlich“ bleiben. „Einfalt“ ist für Bonhoeffer ein zentraler Begriff für das, was er andernorts christliche Existenz nennen kann. Der „einfältige Gehorsam“ hat sein eigenes Kapitel in der „Nachfolge“. Er ist darüber hinaus aber noch an einer ganz anderen Stelle erkenntnisleitend, nämlich in mehreren seiner später geschriebenen Fragmente der „Ethik“. In „Ethik als Gestaltung“ heißt es z. B.: „Einfältig ist, wer in der Verkehrung, Verwirrung und Verdrehung aller Begriffe allein die schlichte Wahrheit Gottes im Auge behält, wer nicht ein Dipsychos, ein Mann zweier Seelen (Jac 1[,8]), ist, sondern der Mann des ungeteilten Herzens. Weil er Gott kennt und hat, darum hängt er an den Geboten, an dem Gericht und an der Barmherzigkeit, die täglich neu aus Gottes Mund gehen.“[9]
Besonders wichtig ist, wovon Bonhoeffer sich hier absetzt: Er negiert für den theologischen Ausgangspunkt seiner „Ethik“ ein philosophisches oder theologisches Wissen um Gut und Böse, eine Ethik etwa aus Prinzipien oder Gütern![10] Es war aus seiner Sicht die Schlange im Paradiesgarten, die dem Menschenpaar solches Wissen und damit „wie Gott“ zu sein vorgegaukelt hat. Der Mensch – durch den „Sündenfall“ ein Mensch zweier Seelen – lebt nicht im Licht klarer, eindeutiger (!) Erkenntnis, sondern, im „Zwiespalt“ oder auch im „Zwielicht“ zwischen Gut und Böse, relativ besser und relativ schlechter. „(Der Mensch) kann (...) zur Einheit aus der Zwiespältigkeit nicht mehr zurück, er vermag das Licht des Luzifer, des Lichtträgers, vom Licht Gottes nicht mehr so eindeutig zu unterscheiden. Er bleibt im Zwielicht und Gott bejaht ihn in dieser seiner neuen sicut-deus-Welt[11], indem er ihn dort erhält.“[12]
Diese Gedanken rund um das „Zwielicht“ hatte Bonhoeffer schon in seiner Vorlesung „Schöpfung Fall“ (1932/33) entwickelt und in der „Nachfolge“ (1937) wie in den „Ethik-Fragmenten“ (1940ff.) variiert und vertieft, aber doch nicht aufgehoben, auch nicht bei der viel zitierten Friedensrede von Fanö im Sommer 1934, in der er scheinbar aus dem Zwielicht heraustritt in ein klares Licht vollständiger Erkenntnis, „wie“ „Friede“ „wird“.
Bonhoeffers theologische Denkbewegung ging schon 1932, dann verstärkt zur Zeit seiner Tätigkeit im Predigerseminar (1935-1937ff.) und in der Zeit seines Lebenswagnisses als Konspirateur und weiterhin Theologe und seine „Ethik“ schreibend, in die Richtung, dass „in Christus“ die Zwiespältigkeit des menschlichen Lebens und auch das Zwielicht sittlicher Entscheidungen grundsätzlich aufgehoben sei, insofern durch Gottes Wort und Geist der Mensch sich eine einheitliche, in diesem Sinn „einfältige“ Lebensführung schenken lässt und insofern „gleichgestaltet“ wird mit Jesus Christus. Der „einfältige Gehorsam“ ist gegen den Wortlaut des oben zitierten und nicht belegten Satzes[13] für Bonhoeffer gerade nicht, die Bergpredigt, etwa das Gebot der Feindesliebe, weil es da im Text steht, zu „tun“, sondern tatsächlich zu tun, was, um die Bergpredigt wissend, „täglich neu aus Gottes Mund“ geht: Das „konkrete Gebot“ ist nicht identisch mit dem Wortlaut der Bibel, nicht zu verwechseln mit irgendwelchen politischen oder gar „christlichen“ Programmen, mit religiösem Empfinden. Zweierlei kann man Gottes konkretes Gebot umgehen und verfehlen, meinte Bonhoeffer in der „Nachfolge“: 1. indem ich Gottes klares Gebot an mich hier und jetzt so umdeute, dass es mich anscheinend gar nichts (mehr) angeht, etwa, weil ich meinte, der von mir bestimmten (!) Intention des Gebots ja schon Folge geleistet zu haben[14], 2. indem ich meine Situation heute fälschlich gleichsetze mit irgendeiner anderen Situation (!) oder auch mit der Situation der Jünger Jesu damals. Vielmehr geht es um je meinen und unseren konkreten „Schritt in die Situation“ hier und heute vor Gott.[15] Gibt es dabei irgendeine Hilfe, eine Orientierung, dass ich nicht bei meiner privaten Tugendhaftigkeit hängen bleibe, bei meiner Sicht der Dinge, bei irgendeinem Programm, das ich dann religiös verbräme?
Bonhoeffer argumentiert voraussetzungsreich. Mit dem Zitieren seiner oft knappen Spitzensätze ist es nicht getan. Man verfehlt, was er wirklich gesagt hat. Bonhoeffer: „(Die Erkenntnis des konkreten Gebotes) ist uns (...) in jedem verkündigten Wort, in dem wir Christus hören, klar gesagt, allerdings so, daß wir wissen, daß seine Erfüllung allein im Glauben an Jesus Christus geschieht. So ist die Gabe Jesu an seine Jünger uns in allen Stücken enthalten, ja sie ist uns sogar näher gekommen durch den Hingang Jesu, durch unser Wissen von seiner Verklärung und durch die Sendung des heiligen Geistes.“[16]
Gedacht ist von Bonhoeffer gerade zur Zeit, als er seine „Nachfolge“ schreibt, an ein „Wir“ von Menschen, die ihr Leben in der Nachfolge Jesu Christi wagen, die die Bibel lesen, die Predigt hören und beurteilen können, die ihre persönliche, kirchliche und politische Situation einschätzen können und auf Gottes konkretes Wort, vermittelt durch den heiligen Geist (etwa durch die Predigt, das Wort des „Bruders“ resp. der „Schwester“, ein „Konzil“ der Kirche, 1934 Fanö!) warten! Bonhoeffer: „So bleibt auf die Frage, wo wir Heutigen den Ruf Jesu in die Nachfolge hören, keine andere Antwort als: Höre die Predigt, empfange sein Sakrament, höre darin ihn selbst, und du hörst seinen Ruf!“[17]
Da schrieb und sprach 1937 ganz und gar einer der konsequentesten Theologen der „Bekennenden Kirche“. Theologie war für ihn wie für seinen Mentor und Gesprächspartner Karl Barth eine Funktion der Kirche. Ab 1938 war Dietrich Bonhoeffer durch staatliche Maßnahmen auch gegen ihn persönlich sowie wegen eines gewissen Niedergangs auch der Bekennenden Kirche, dann durch den Krieg, seine Beteiligung an der Konspiration (ab 1940) und durch seine Haft (ab April 1943) zunehmend gezwungen, sein theologisches Thema von Jugend auf: die Kirche als die „Gemeinschaft der Heiligen“, als erneuerte Menschheit, als Schar derer, die Jesus Christus „nachfolgen“ und mit Jesus „für andere da“ sind, kritischer denn je anzugehen und in gewisser Weise auch mit einem existenziellen persönlichen Abstand. Das Handeln der Einzelnen und das eigene „Ich“ in der Begegnung mit Jesus Christus kamen mehr als früher in den Blick, zugleich aber – als bedingte das eine das andere – der Blick auf die zunehmend säkulare „Welt“. Bonhoeffer suchte eine „nicht-religiöse“ bzw. „weltliche“ Interpretation der biblischen und theologischen Begriffe. Mindestens zwei Theologen-Generationen und andere haben versucht, das für ihre eigene Arbeit, für ihr eigenes Leben auszulegen.
So sehr sich der Blick auf die „Welt“ bei Bonhoeffer am Ende weitete, hat ihn seine Liebe zum „Menschen“ Jesus, zu Jesus Christus, welches er beides abwechselnd sagen konnte, nie verlassen. „Nachfolge“ war für ihn auch 1944/1945 eine Beziehung zu Jesus / Jesus Christus, ein Hinter-ihm-Hergehen. Es war keine ethische Programmatik, weder im Sinne eines christlichen Pazifismus noch unter Aufgabe oder mindestens Hintanstellung des theologischen Ansatzes eine Angelegenheit etwa der „sicherheitspolitischen“ Erfordernisse.
Was Bonhoeffer zur Idee einer „nuklearen Abschreckung“ gesagt hätte – wenn man eine solche Frage überhaupt so stellen möchte – lässt sich aus seinem Gebrauch der Bergpredigt und dem Buch „Nachfolge“ jedenfalls nicht herleiten. Eher werden wir fündig in einem Vortrag, den er 1932 im Rahmen der beginnenden Ökumenischen Bewegung hielt, wo er einen Krieg, der aus seiner Sicht früher einmal als „Kampf“ für „Wahrheit und Recht“ geführt werden musste, unterschied von einem „heutigen“ Krieg, der nicht mehr als ein solcher „Kampf“ verstanden werden darf, allein darum, weil er mit Blick auf die im 1. Weltkrieg erprobten Massenvernichtungsmittel „die sichere Selbstvernichtung beider Kämpfenden“ sei.“[18] Genau genommen, argumentiert Bonhoeffer an dieser Stelle mittelbar theologisch (Menschen vernichten Gottes Schöpfung). Andererseits aber appelliert er in dem erwähnten Zusammenhang an den sogenannten gesunden Menschenverstand: Die Existenz der biochemischen „Waffen“ seit dem 1. Weltkrieg (Gas) bedeute bei allseitiger Aufrüstung und Anwendung die Selbstvernichtung der Menschheit. Ihre „Ächtung“ sei darum zu fordern, weil sie ihren vermeintlichen Zweck ad absurdum führten.[19]
Fazit: Man kann mit Bonhoeffers Texten auch heute argumentieren, muss aber wissen, mit welchen und ob und wie weit die Argumente von damals heute tatsächlich tragen; denn dies ist Bonhoeffers ethische Richtlinie: Gott ist immer gerade heute Gott; und Gottes konkretes Wort trifft uns heute. „Wir“ können im Vorhinein nicht „eindeutig“ wissen, was gut und was böse ist. „Wir“ müssen uns distanzieren von uns selbst, von unserem Vorwissen wie von unseren Ängsten, um überhaupt erst hinhören zu können auf Gottes Gebot hier und heute. Diese Selbst-Distanzierung fehlt auf allen Seiten. Oder?
Dr. Bernd Vogel, 9.1.2026
[1] „Zeitzeichen“ Januar 2026, 48 (Zz).
[2] Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen, EKD 2025 (WiU).
[3] WiU, 112-117.
[4] Gemäß EKD-Friedensdenkschrift von 2007: „Förderung von Freiheit“ und „Abbau von Not“, vgl. WiU, 36.
[5] WiU, 113.
[6] Ebd., 114.
[7] Zz, 48.
[8] Ebd.
[9] DBW 6, 67.
[10] Genau das versuchen m. E. die Autor*innen der Friedensdenkschrift wieder! So weit ich sehen kann, wurde das bisher kaum kritisiert. Eher wirft man den Verfasser*innen Inkonsequenzen innerhalb ihres Ansatzes vor und dass diese oder jene Gesichtspunkte nicht bedacht oder ausgearbeitet wurden.
[11] „Sicut-deus“ = „wie Gott“. So nennt Bonhoeffer in der Vorlesung den Menschen nach dem „Fall“.
[12] DBW 3, 130.
[13] Selbstverständlich gibt es viele ähnlich klingende Sätze in der „Nachfolge“ und woanders. Man muss aber immer auf den textlichen Zusammenhang achten.
[14] Sehr pointiert führt Bonhoeffer Beispiele dafür in dem von Michael Trowitzsch avisierten „Nachfolge“-Kapitel „Der einfältige Gehorsam“ auf.
[15] DBW 4, 76
[16] DBW 4, 217.
[17] DBW 4, 218.
[18] Bonhoeffers Vortrag am 26.7.1932 in Ciernohorské Kúpele: „Zur theologischen Begründung der Weltbundarbeit“, DBW 11, 327-344, Zitat S. 341.
[19] Auf dieser Linie haben die Ethik-Kommissionen, Kirchenleitungen, Denkschriften nach 1945 dann weitergedacht. Bonhoeffers Blick auf das konkrete Gebot GOTTES und sein Vertrauen in das Wort der KIRCHE gingen mehr und mehr verloren. 1985 hat Carl-Friedrich von Weizsäcker auf dem Kirchentag es noch einmal mit Bonhoeffers Idee vom 2Konzil des Friedens“ versucht, letztlich vergeblich.
