Finkenwalde

Im April 1935 bat die Bekennende Kirche Dietrich Bonhoeffer, nach Deutschland zurückzukehren, um ein von ihr gegründetes illegales Predigerseminar – eine Ausbildungsstätte für Theologen, die sich nach dem Studium an der Universität auf den Beruf als Pfarrer vorbereiten – zu übernehmen und zu leiten. Bonhoeffer stellte seinen brennenden Wunsch, in Indien etwas über gewaltlosen Widerstand zu lernen – er hatte schon eine Verabredung mit Mahatma Gandhi getroffen – zurück und folgte dem Ruf nach Pommern.
Dabei war ihm der Plan, nach Indien zu gehen, schon lange im Sinn. Schon 1928 hatte seine Großmutter aus Tübingen ihm geraten, sich doch einmal in Indien umzusehen, und Dietrich hatte auch gehofft, hier etwas für die deutsche Situation lernen zu können.

Nun sollte er also ein Predigerseminar leiten. Dabei hatte er selbst die Pflicht, ein solches zu besuchen, umgangen.
Die Vikare, die in das Finkenwalder Predigerseminar kamen, hatten sich bereits für die Bekennende Kirche und gegen die Reichskirche entschieden.

Die Zeit in Finkenwalde sollte die jungen Theologen für ihr ganzes Leben prägen. Bonhoeffer führte mit ihnen ein konsequentes christliches Leben, aus dessen Gemeinschaft den jungen Theologen die Kraft erwuchs, den Belastungen und Bedrängnissen standzuhalten, denen sie in ihrer Arbeit innerhalb der Bekennenden Kirche ausgesetzt waren. Seine Vorstellungen über ein gemeinschaftliches Leben fasst Bonhoeffer in dem Buch Gemeinsames Leben zusammen. Dieses Buch ist neben Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft heute am weitesten verbreitet. Es wurde gleich im Jahr seines Erscheinens dreimal aufgelegt. Hier finden sich ganz einfache, selbstverständliche, aber auch oft vergessene Regeln des Zusammenlebens:

Keiner ist für den geringsten Dienst zu gut. Die Sorge um den Zeitverlust, den eine so geringe und äußerliche Hilfeleistung mit sich bringt, nimmt meist die eigene Arbeit zu wichtig. Wir müssen bereit werden, uns von Gott unterbrechen zu lassen.
Gott wird unsere Wege und Pläne immer wieder, ja täglich durchkreuzen, indem er uns Menschen mit ihren Ansprüchen und Bitten über den Weg schickt. Wir können dann an ihnen vorübergehen, beschäftigt mit den Nichtigkeiten unseres Tages, wie der Priester an dem unter die Räuber gefallenen vorüberging, vielleicht – in der Bibel lesend.

Im Finkenwalder Predigerseminar wurde streng theologisch gearbeitet, Politik und Kirchenpolitik jedoch sorgfältig beobachtet und diskutiert. Der Druck von außen und damit die Versuchung, sich doch der Reichskirche zu unterwerfen, war für manche Vikare zu stark.Vor allem diejenigen, die das Seminar beendet hatten und nun allein in ihrer Gemeindearbeit standen, brauchten Unterstützung.

Ihnen sandte Bonhoeffer regelmäßig Rundbriefe. In dem Rundbrief zu Weihnachten 1937 schreibt er:

Die Jahresbilanz ist diesmal ziemlich klar und eindeutig. 27 aus Eurem Kreise haben im Gefängnis gesessen, bei manchen waren es mehrere Monate. Einige sitzen bis zur Stunde und haben den ganzen Advent im Gefängnis zugebracht. Von den übrigen wird nicht ein einziger sein, der nicht von dem immer ungeduldiger werdenden Angriff der antichristlichen Gewalten etwas in seiner Arbeit und in seinem persönlichen Leben erfahren hätte.

1937 wurde das Seminar polizeilich geschlossen, die Arbeit aber im Untergrund fortgesetzt. 1940 kam dann das endgültige Verbot. Inzwischen waren die Vikare weitgehend zur Wehrmacht eingezogen worden; sehr viele von ihnen sind zwischen 1939 und 1945 gefallen.
Die meisten Überlebenden wurden von der Zeit in Finkenwalde lebenslang beeinflusst. Und auch für Bonhoeffer war diese Zeit sehr prägend. Bereits Ende 1935 schrieb er selbst, dass dies die beruflich und menschlich ausgefüllteste Zeit bisher gewesen ist: Er konnte unter Gleichgesinnten und nur wenig jüngeren Männern wirken, die ihn anerkannten und auf seine Meinung und seinen Rat hörten; und er hatte damit auch eine, wenn auch bei den staatlichen Stellen sehr ungeliebte Wirkung nach außen.

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