London

Im Oktober 1933 übernahm Bonhoeffer ein deutsches Auslandspfarramt in London. Der Entschluss dazu war ihm nicht leicht gefallen, wie er acht Tage nach seinem Amtsantritt in einem ausführlichen Brief an Karl Barth – einem noch heute berühmten und von Bonhoeffer sehr geschätzten Theologie-Professor – schrieb:

Wenn man überhaupt in solchen Entscheidungen nachher ganz bestimmte Gründe ausfindig machen will, so war, glaub ich, einer der stärksten, daß ich mich den Fragen und Ansprüchen, die an mich herantraten, einfach äußerlich nicht mehr gewachsen fühlte. Ich fühlte, daß ich mich unbegreiflicherweise gegen alle meine Freunde in einer radikalen Opposition befände, ich geriet mit meinen Ansichten über die Sache immer mehr in die Isolierung, obwohl ich persönlich in nächster Beziehung mit diesen Menschen stand und blieb – und das alles machte mir Angst, machte mich unsicher, ich fürchtete, daß ich mich aus Rechthaberei verrennen würde – und dabei sah ich gar keinen Grund dafür, daß ich jetzt gerade diese Dinge richtiger und besser sehen sollte, als so manche ganz tüchtige und gute Pfarrer …

Karl Barth antwortete Bonhoeffer am 20. November 1933 mit einem langen, eindringlichen und doch humorvollen Brief :

Lieber Herr Kollege!
Sie können schon aus dieser Anrede entnehmen, daß ich gar nicht daran denke, Ihren Abmarsch nach England anders denn als ein vielleicht persönlich notwendiges Zwischenspiel zu betrachten. Sie hatten, da Sie diese Sache nun einmal im Sinn hatten, sehr recht, meinen weisen Rat dazu nicht erst einzuholen. Denn ich würde Ihnen bedingungslos und wahrscheinlich unter Aufführung schwersten Geschützes davon abgeraten haben. Und da Sie mich nun nachträglich wegen dieser Sache anreden, kann ich Ihnen wahrlich nichts Anderes zurufen als: Schleunigst zurück auf Ihren Berliner Posten! … Sollten Sie mit Ihrem schönen theologischen Rüstzeug, und dazu noch eine solche Germanengestalt wie Sie, sich nicht fast ein wenig genieren etwa vor einem Mann wie Heinrich Vogel, der … einfach immer wieder da ist … und Bekenntnis, Bekenntnis! schreit und in seiner Weise – in Kraft oder Schwachheit, darauf kommt jetzt nicht so viel an – tatsächlich ablegt? … Seien Sie froh, daß ich Sie nicht persönlich hier habe, denn ich würde sonst noch ganz anders eindringlich auf Sie losgehen mit der Forderung, Sie müßten jetzt alle noch so interessanten denkerischen Schnörkel und Sondererwägungen fallen lassen und nur das Eine bedenken, daß Sie ein Deutscher sind, daß das Haus Ihrer Kirche brennt, daß Sie genug wissen und was Sie wissen gut genug zu sagen wissen, um zur Hilfe befähigt zu sein, und daß Sie im Grunde mit dem nächsten Schiff auf Ihren Posten zurückkehren müßten! Nun, sagen wir: mit dem übernächsten! …

Sie werden ihn (diesen Brief) so freundschaftlich verstehen wie er gemeint ist. Wenn mir nicht so an Ihnen gelegen wäre, würde ich Ihnen nicht so ans Portepee greifen.

Mit herzlichem Gruß
Karl Barth

In London suchte Bonhoeffer nun natürlich Verbindung zur Ökumene. Er fand ein offenes Ohr für die kirchenpolitischen Probleme in Deutschland bei George Bell, dem Bischof von Chichester. Bell, ein überzeugter Pazifist, ließ sich von Bonhoeffer regelmäßig über die Lage der deutschen Kirche informieren. Und Bonhoeffer lag sehr viel an Bells Interesse, denn er hoffte und kämpfte darum, dass Bell die Anti-Nazi-Bewegung in der deutschen Kirche unterstützen würde. So schrieb er am 14. März 1934 in Vorbereitung auf die berühmte Barmer Synode, die – anders als zunächst geplant und im Brief erwähnt – erst Ende Mai 1934 stattfand:

My Lord Bishop,
darf ich Sie eben wissen lassen, daß ich in der letzten Woche wieder nach Berlin gerufen wurde – diesmal durch die Kirchenregierung. Es handelte sich um die ökumenische Situation. Ich sah außerdem Niemöller, Jacobi und einige Freunde aus dem Rheinland. Die Freie Synode in Berlin war ein wirklicher Fortschritt und Erfolg. Wir hoffen, zu einer Freien Nationalen Synode bis zum 18. April in Barmen bereit zu sein.

Eins der wichtigsten Dinge ist, daß die christlichen Kirchen der anderen Länder nicht ihr Interesse an diesem Konflikt durch die Länge der Zeit verlieren. Ich weiß, daß meine Freunde mit großer Hoffnung auf Sie und Ihre weiteren Aktionen blicken. In Deutschland ist tatsächlich ein Augenblick gekommen wie vielleicht nie zuvor, in dem unser Glaube an die ökumenische Aufgabe der Kirchen entweder erschüttert und vollständig oder in einer überraschenden neuen Weise gestärkt und erneuert werden kann. Und es hängt von Ihnen ab, My Lord Bishop, ob dieser Moment genutzt wird. Die Frage, um die es in der Deutschen Kirche geht, ist keine interne Angelegenheit mehr, sondern die Frage der Existenz des Christentums in Europa; …

George K.

Und den Schweizer Theologen H.L. Henriod, der wie Bonhoeffer selbst zu den Sekretären der ökumenischen Jugendkommission gehörte, bedrängte er in der selben Absicht am 7. April 1934:

Mein lieber Henriod!
… Ich hätte ja sehr gern wieder mit Ihnen über die Lage gesprochen, da ich die Langsamkeit des ökumenischen Handelns allmählich nicht mehr für verantwortlich halte. Man muß sich eben einmal entscheiden und kann nicht ewig auf ein Zeichen vom Himmel warten, das einem plötzlich die Lösung der Schwierigkeiten in den Schoß fallen läßt. Auch die Ökumene muß sich entscheiden und ist dabei dem allgemein menschlichen Schicksal des Irrens unterworfen. Aber aus lauter Angst vor Irrtum überhaupt nicht zum Handeln zu kommen und zur Stellungnahme, wo andere – nämlich die Brüder in Deutschland unendlich schwere Entscheidungen täglich neu zu fällen haben – scheint mir fast gegen die Liebe zu gehen. Verzögerte oder verpaßte Entscheidungen können sündiger sein als falsche Entscheidungen, die aus dem Glauben und aus der Liebe kommen. »Erlaube mir, daß ich zuvor hingehe …« heißt es im Evangelium, oh, wie oft schützen wir das vor! – und gerade hier heißt es Jetzt oder Nie. »Zu spät« heißt »Nie«. Wenn nicht die Ökumene das jetzt begreift und wenn da nicht ein paar »Stürmer sind, die das Himmelreich an sich reißen« Mt 11,12, dann ist die Ökumene nicht mehr Kirche, sondern ein nichtsnutziger Verein, in dem schöne Reden gehalten werden. »Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht«, glauben heißt aber sich entscheiden. Und in welcher Richtung die Entscheidung zu gehen hat, kann denn darüber überhaupt noch ein Zweifel sein? Bekenntnis – heißt es heute in Deutschland, Bekenntnis heißt es heute auch für die Ökumene. Weg mit der Angst vor diesem Wort – die Sache Christi ist auf dem Spiel, wollen wir schlafend gefunden werden?

Neben der Sorge für seine Gemeinde und um die Ökumene lagen Bonhoeffer besonders die Flüchtlinge aus Deutschland am Herzen, jüdische und solche, die aus politischen Gründen von den Nazis vertrieben worden waren. Er bat auch Bell um Hilfe für diese Menschen. Bell setzte sich sehr für sie ein, wie auch so manche von Bonhoeffers Gemeindegliedern. Im August 1934, noch in Bonhoeffers Londoner Zeit, fand eine große Ökumenische Konferenz in Fanö (Dänemark) statt. Bevor er seinen Vortrag dort zusagte, kämpfte er lange darum, dass nur Teilnehmer der Bekennenden Kirche aus Deutschland dazu eingeladen würden. In der Bekennenden Kirche in Deutschland hatten sich in besagter Barmer Synode (am 30.05.1934) Pfarrer und Gemeinden zusammengeschlossen, die sich gegen die von den Nationalsozialisten beherrschte und gleichgeschaltete Reichskirche aussprachen. Bonhoeffer erreichte in Fanö einen Kompromiss.

Nur ein Vertreter der Reichskirche war zugelassen; Dietrich Bonhoeffer selbst aber nahm mit vielen seiner ehemaligen Studenten der Berliner Universität an der Konferenz teil. Seine Friedensrede in Fanö ist damals sehr bekannt geworden und wird bis in unsere Tage beachtet und immer wieder zitiert:

Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn Friede muß gewagt werden, ist das eine große Wagnis, und läßt sich nie und nimmer sichern. Friede ist das Gegenteil von Sicherung. Sicherheiten fordern heißt Mißtrauen haben, und dieses Mißtrauen gebiert wiederum Krieg.
Sicherheiten suchen heißt sich selber schützen wollen. Friede heißt sich gänzlich ausliefern dem Gebot Gottes, keine Sicherung wollen, sondern in Glaube und Gehorsam dem allmächtigen Gott die Geschichte der Völker in die Hand legen und nicht selbstsüchtig über sie verfügen wollen. Kämpfe werden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. Sie werden auch dort noch gewonnen, wo der Weg ans Kreuz führt.

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