Dietrich Bonhoeffer: Ethik

Dietrich Bonhoeffer:

Ethik

Werkausgabe, Band 6

Herausgegeben von Ilse Tödt, Heinz Eduard Tödt, Ernst Feil, Clifford Green

Dietrich Bonhoeffer Werkausgabe: Ethik

Gebunden mit Schutzumschlag, 566 Seiten, 13,0 x 20,5 cm, 2. überarbeitete Auflage 1998
ISBN: 978-3-579-01876-8

Bonhoeffers zwischen 1940 und 1943 niedergeschriebene Manuskripte zur »Ethik« werden hier erstmals in der rekonstruierten Reihenfolge ihrer Entstehung publiziert. Die Herausgeberanmerkungen begründen die neue Rekonstruktion und erhellen u. a. die teilweise chiffrierten zeitgeschichtlichen Bezüge dieser Ethik und ihre theologische Bedeutung.

I

Bitte erlauben Sie mir, daß ich auf diesem Wege noch einmal Ihre Zeit in Anspruch nehme, hauptsächlich um wirklich alles zur beschleunigten Klärung meines Falles getan zu haben … . Sie werden daher, sehr verehrter Herr Oberkriegsgerichtsrat, verstehen, daß mir im Blick auf meinen Beruf, aber auch auf meine Angehörigen und rein persönlich alles daran liegt, zu klären, ob hier wirklich Fehler gemacht wurden und wenn ja, wer sie gemacht hat. Es besteht nach Ihren Worten der Verdacht, meine Freistellung [vom Wehrdienst] sei erfolgt, um mich der Geheimen Staatspolizei zu entziehen, die mir im September 40 ein Redeverbot und Meldepflicht auferlegt hat … . [Dabei] hatte ich mich, um allen weiteren Konfliktsstoff zu vermeiden, in die bayrischen Berge zu einer großen wissenschaftlichen Arbeit zurückgezogen, dies auch pflichtgemäß der Staatspolizei gemeldet und hatte hier wirklich garnichts mehr zu befürchten. Da mir kirchlicherseits mitgeteilt worden war, daß man ein gewisses Interesse daran habe, daß ich an mein Buch Nachfolge die Darstellung einer ‘konkreten evangelischen Ethik’ anschlösse und da ich von jeher vorwiegend als wissenschaftlicher Theologe gearbeitet habe, konnte ich mich auch kirchlich mit meiner damaligen Tätigkeit wohl zufrieden geben.

So formulierte im Wehrmachtuntersuchungsgefängnis Tegel der Häftling Dietrich Bonhoeffer für einen Brief an den Untersuchungsführer Oberkriegsgerichtsrat Dr. Manfred Roeder. Ihm saß er bei den Vernehmungen im Berliner Reichskriegsgericht zwischen April und August 1943 gegenüber, und ihm wollte er durch wohldosierte Bemühtheit verschleiern, daß alle drei am 5. April 1943 verhafteten Angehörigen der Bonhoeffer-Familie, er selbst, seine Schwester Christine und vorallem deren Mann Hans von Dohnanyi, Mitwisser und Mittäter in der Verschwörung gegen Hitler waren. So fügte er in ein sorgfältig konstruiertes Erklärungengespinst Äußerungen ein, die echt und von Gewicht waren. Er hatte in der Tat an einer konkreten evangelischen Ethik im Anschluß an sein Buch Nachfolge gearbeitet.

In Bonhoeffers erstem aus dem Tegeler Gefängnis geschmuggelten Brief an Eberhard Bethge vom 18. November 1943 stand: Persönlich mache ich mir Vorwürfe, die Ethik nicht abgeschlossen zu haben (zum Teil ist sie wohl beschlagnahmt).

Im Dezember schrieb er: Manchmal denke ich, ich hätte nun eigentlich mein Leben mehr oder weniger hinter mir und müßte nur noch meine Ethik fertigmachen.

Die Haftzeit hindurch beschäftigten ihn seine Ethik-Themen, zum Beispiel das Oben/Unten beim Schreiben des Dramenfragments im Sommer 1943 und dann Anfang 1944 das 19. Jahrhundert in Deutschland, wofür ihm an einer guten Dilthey-Kenntnis lag; der Vater Karl Bonhoeffer äußerte in einem Brief an Eberhard Bethge, daß Dietrich Bonhoeffer jetzt, im Sommer 1944, Dilthey für seine Ethik studiert. Als Bonhoeffer im August 1944 an einer Bestandsaufnahme des Christentums für eine geplante nicht über 100 Seiten lange Arbeit schrieb, erklärte er Bethge auf Anfrage, daß diese kleinere Arbeit gewissermaßen ein Vorspruch und zum Teil eine Vorwegnahme der größeren ist - seiner Ethik.

In der theologisch-kirchlichen Biographie Bonhoeffers bedeutet die Ethik den Versuch, gewonnene Erkenntnisse und erlittene Erfahrungen in ein gegenwartsbezogenes theologisches Konzept münden zu lassen. Ethik sah er als seine Lebensaufgabe an. Den Manuskripten für die Ethik ist das Ringen mit den Schwierigkeiten eines Neuentwurfs anzumerken, der die Theologie weiterführen und zugleich dem Leben in Deutschland und Europa nach Hitler eine sinnvolle Perspektive eröffnen sollte.

Aus dem Schreiben an seiner Ethik heraus wurde Bonhoeffer am 5. April 1943 verhaftet. Die Zettel, die Bethge auf Bonhoeffers Schreibtisch fand, die seit 1940 entstandenen Ethik-Aufzeichnungen und auch das Manuskript, an dem Bonhoeffer zuletzt arbeitete und das vorübergehend bei der Gestapo war, wurden versteckt und überdauerten so die Wirren und Gefährdungen der Endjahre des Dritten Reiches. Aus der frühen Nachkriegszeit berichtet Bethge:

Mich trug ein fast ungeduldiges Grundgefühl: Wenn nur bald die Freunde und die theologische Welt zu lesen bekommen, was Bonhoeffer unter den besonderen Bedingungen der Nazizeit … weitergedacht hatte,

wie er in Neuland vorzustoßen versuchte! Bereits im August 1945 auf der Kirchenkonferenz in Treysa, zu der Bethge Otto Dibelius begleitete, stellte sich der Kontakt Bethges mit dem Chr. Kaiser Verlag her. Der künftige Verlagsleiter Fritz Bissinger war zu dieser Konferenz getrampt, das heißt er hatte die Fahrt, da es ein öffentliches Verkehrssystem noch nicht wieder gab, auf den Kohlen eines Güterzugs liegend unternommen.

Als Bethge zur Vorbereitung der Publikation die Manuskripte sortierte und entzifferte, begleitete ihn die erwartungsvolle Aufmerksamkeit der Eltern Karl und Paula Bonhoeffer. Immer wieder fragten sie beide, wie weit ich denn sei. Sie wußten sehr wohl, wie wichtig Dietrich seine Ethik gewesen war. Anteil nahmen Bischof George Bell von Chichester, Dietrich Bonhoeffers väterlicher Freund, und, durch den englischen Bischof bestärkt, in Berlin Bischof Otto Dibelius, der Bethge damals zu seinem Referenten gemacht hatte. Bei der vorläufigen Ordnung der Ethik-Papiere und der Textherstellung half vor allem Frau Anni Lindner. Das Buch kam 1949 heraus; Bethges Vorwort ist auf den 9. April 1948 datiert, den Tag, an dem sich der Tod Bonhoeffers zum dritten Mal jährte.

Die Entstehung der Ethik-Manuskripte hatte Bethge, anders als das Werden von Bonhoeffers Nachfolge im Finkenwalder Predigerseminar 1935-1937, nur sporadisch, nicht kontinuierlich miterlebt. Vom Buch Nachfolge her wußte er aber:

Bonhoeffers Bücher sind nicht nach einem festgelegten unabänderlichen Plan von Kapitel zu Kapitel vorgeschritten, sondern aus vielen Einzelbearbeitungen der Sache allmählich zu einem Ganzen zusammengewachsen.

Für die Drucklegung war es nötig, die Manuskripte, von denen manche nicht zu Ende geschrieben und einige geplante noch nicht einmal begonnen waren, in begründeter Weise anzuordnen. Auf einem der Zettel, auf denen Bonhoeffer sich für die Ethik Notizen gemacht hatte, erkannte Bethge die Titel einer Reihe vorhandener Manuskripte wieder. Anni Lindner, die die ungeordnet vorgefundenen Zettel durchnumerierte, gab diesem die Nummer 38. Nach der Reihenfolge, in der auf Zettel Nr. 38 Manuskript-Titel notiert sind, richtete Bethge sich bei der ersten Drucklegung. Damit war aber nur ein Teil der vorliegenden Manuskripte erfaßt. Die übrigen ordnete Bethge so hintereinander, wie sie nach seinen damaligen Vermutungen entstanden waren. Vorsichtig warnte er: Dieses Buch ist nicht die Ethik, die Dietrich Bonhoeffer erscheinen lassen wollte.

Nur Teile sind es, die noch ungeordnet vor dem Zugriff [der Gestapo] in Sicherheit gebracht und die aus Gartenverstecken wieder ausgegraben werden konnten. Doch war er 1948/49 überzeugt, die vorhandenen Teilstücke eines Ganzen, Fragmente von Bonhoeffers Buch über Ethik, der Öffentlichkeit vorzulegen.

Nach dem Erscheinen erfuhr Bethge zunächst eine gewisse Enttäuschung, daß dem Buch weder von der Fachwelt (kaum Besprechungen!) noch von den Leserkreisen die Beachtung zuteil wurde, mit der ich gerechnet hatte. Groß, ja lebensbestimmend für viele wurde das Interesse an Bonhoeffer erst durch die Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, deren Veröffentlichung unter dem Titel Widerstand und Ergebung Bethge und der Chr. Kaiser Verlag 1951 wagten. Sie fanden in der Weltchristenheit und über sie hinaus Verbreitung wie wohl kein anderes Buch eines deutschen Theologen. Nun wuchs auch das Interesse an der Ethik in erstaunlichem Maße.

Als die sechste Auflage der Ethik anstand, war die Diskussion um Bonhoeffers theologische Entwicklung auf die Gefängnisbriefe hin in vollem Gange. Man vermutete eine Entwicklung Bonhoeffers in einer bestimmten Richtung, nämlich Von der Kirche zur Welt. Bethge ließ sich zu der Theorie bewegen, daß Bonhoeffer im Laufe der Jahre 1939 bis 1943 mehrfach neu angesetzt hätte, ein Ethik-Buch auszuarbeiten. Durch eine Umordnung der Ethik-Manuskripte unternahm er den Versuch, Bonhoeffers vier jeweilige Neuansätze in ihrer zeitlichen Folge zu zeigen. Im Vorwort machte er deutlich, daß nicht für alle Manuskripte eine genaue Datierung möglich ist. Das Manuskript Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt rückte er an den Anfang mit der Begründung, es sei dem Buch Nachfolge von 1937 nahe. Hier hatte die Vermutung von der Entwicklung Bonhoeffers den Ausschlag gegeben; denn mit Nähe zur Nachfolge war angedeutet: dicht bei der Kirche und noch wenig weit auf dem Wege zur Welt. Leise Zweifel, ob dieses Manuskript wirklich als erster Ansatz zu einem Ethik-Buch geschrieben sei, sind in Bethges Vorwort zu spüren. Die Ansätze-Theorie ließ, entgegen Bethges Absicht, die Folgerung zu, daß aus jedem Ansatz ein anderes Buch über Ethik hervorgegangen wäre, ja daß später Begonnenes frühere, abgebrochene Anfänge hätte ersetzen sollen. In der Anordnung der 6. Auflage von 1963 ist Bonhoeffers Ethik seither verbreitet worden.

Erst in den achtziger Jahren begann eine neue Phase der Arbeit an den Ethik-Originalmanuskripten und speziell an dem Problem ihrer Anordnung. Clifford Green machte den Anfang mit einem Beitrag für die Internationale Bonhoefferkonferenz in Oxford 1980. Ernst Feil belegte in einem Vortrag in Halle an der Saale Ende 1981, daß ein Beginn der Arbeit Bonhoeffers an der Ethik vor Mai 1940 unwahrscheinlich sei.

Peter Möser schrieb 1982 Überlegungen für die neue Ausgabe der Ethik nieder, und Green führte eine schriftliche Diskussion mit ihm. Seine eigenen Forschungen setzte Green unter besonderer Berücksichtigung der Originalpapiere fort. 1985 wurden die gesamten Ethik-Aufzeichnungen einschließlich aller Streichungen unter Beteiligung Eberhard Bethges durch Herbert Anzinger und besonders durch Ilse Tödt neu entziffert. Bonhoeffers Aufzeichnungen für seine Ethik sind inzwischen über das Bundesarchiv Koblenz, wo der Nachlaß bis Ende 1985 auf Microfiches gesichert wurde, unter Archivbedingungen zugänglieh.

Nun galt es, eine möglichst sachgemäße, nicht durch Interpretationstheorien gesteuerte Anordnung der Ethik-Manuskripte zu finden. Auf Argumente der Art, daß die inhaltliche Schlüssigkeit bei dieser oder jener Anordnung größer sei, wurde bewußt verzichtet. Die Gefahr der Irreführung durch eine Theorie, wie sie bei der 6. Auflage der Ethik nicht auszuschließen war, mußte vermieden werden. Ausschlaggebend sollte das sein, was an den Ethik-Aufzeichnungen objektiv zu beobachten ist. Die äußerlichen, formalen Dinge und der für sie geschärfte Blick bekamen einen hohen Stellenwert, ähnlich wie bei detektivischer Spurensuche.

Als besonders ergiebig erwiesen sich die mehr als hundert Notizzettel zur Ethik. In Vorbereitung der ersten Ausgabe der Ethik-Manuskripte hatte jeder dieser Zettel eine Nummer zwischen 1 und 123 bekommen; die Zahlen 90 bis 99, reserviert für eventuelle Ergänzungen, wurden nicht benutzt. Einige der Zettel gehören, wie sich im Laufe der Zeit herausstellte, nicht zu den Ethik-Manuskripten. Ein Beispiel ist der Doppelbogen, der die Nummer 122 erhielt. Auf ihm stehen Notizen zur Weiterarbeit Ende 1943 an dem Tegeler Aufsatzfragment zu Was heißt die Wahrheit sagen. Hingegen gehört ein Tegeler Zettel zu einem Ethik-Manuskript. Die 25 Ethik-Zettel, die Bethge nach Bonhoeffers Verhaftung im April 1943 vom Schreibtisch einsammelte und mit dem Vermerk Schrbt. versah, tragen durchweg hohe Ziffern. Sonst besagen die Zettelnummern über die Reihenfolge, in der die Notizen geschrieben wurden, fast nichts. Nach der neuen Entzifferung 1985 wurden die Zettel untereinander sowie mit den Ethik-Manuskripten und mit anderen Schriftstücken aus dem Bonhoeffer-Nachlaß nach Inhalt und Aussehen viele Male verglichen. Daraus ergaben sich Einblicke in die Abfolge ihrer Entstehung. Die Zusammenschau der Zettel mit den Ethik-Manuskripten half dann, die Schreibreihenfolge der Manuskripte zu rekonstruieren.

Präzise Entstehungsdaten kennen wir für die im Winter 1940/41 geschriebenen Manuskripte; denn Bonhoeffer berichtete zu der Zeit in Briefen über den Fortgang der Arbeit. Sicher ist auch, welche Manuskriptgruppe unmittelbar vor Bonhoeffers Verhaftung entstand; sie steht auf durchnumerierten Bögen, von denen die letzten auf dem Schreibtisch lagen. Für die übrigen Manuskripte erschloß Ilse Tödt aus Beobachtungen an ihnen selbst in Verbindung mit Beobachtungen an den Zetteln, in welcher Folge nacheinander sie geschrieben wurden.

Einen Anhaltspunkt bot zum Beispiel das benutzte Papier. Eberhard Bethge registrierte schon bei der ersten Bearbeitung die verschiedenen Papiersorten, die etwa durch Wasserzeichen oder Blattgröße identifizierbar sind. Auf Ethik-Zetteln Bonhoeffers vermerkte er, wann Papier der betreffenden Sorte als Briefpapier diente. Man tat gut daran, diese Daten zu berücksichtigen, so unwahrscheinlich mancher Zeithinweis auf den ersten Blick auch erschien, wie etwa die Papiersorten-Verbindung zwischen dem Manuskript Kirche und Welt I und einem Brief vom Herbst 1942. Oft erwiesen zusätzliche Beobachtungen, wie aufschlußreich Bethges Angaben waren. Beachtung verlangte außer der Sorte auch die Qualität des Papiers. Papier wurde im Kriege zunehmend knapp, und neu hergestelltes Papier war poriger, dunkler, brüchiger als Friedensware. Wenn in einem Manuskript solches minderwertige Papier vorkommt, mußte die Annahme, daß es früh entstanden sei, in Zweifel gezogen werden. Papier von Kriegsbeschaffenheit taucht im Zusammenhang der Manuskripte Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt und Kirche und Welt I auf, die Bethge bei der neuen Druckanordnung der Ethik 1962 auf 1939/40 ansetzte. Gegen diese Frühdatierung erhoben sich bei der Papierbeobachtung Bedenken.

Zusätzlich zur Papiersorte und -qualität war das Schriftbild, die Tintenschattierung, die Füllfederbreite und die Blei-, Kopier- und Farbstiftbenutzung zu berücksichtigen, je für sich geringfügige Details, die aber Aussagekraft gewannen, wenn andere Indizien mit ihnen zusammenstimmten. Dazu mußten die Original-Manuskripte und -Zettel immer neu in Augenschein genommen werden. Hinzu kamen als Datierungsindizien Bezugnahmen auf Bücher, die erst nach einem bestimmten Zeitpunkt im Handel oder in Bonhoeffers Besitz waren, inhaltliche Anklänge in Briefen und anderes mehr. Es wurde darauf geachtet, daß Schlüsse nicht aus Einzel-Beobachtungen, sondern aus der Konvergenz einer Mehrzahl von Beobachtungen gezogen wurden. Nach jahrelanger Detailarbeit ergab sich aus dem Mosaik vielfältig zusammenstimmender Indizien ein Bild der Zeiträume, in denen fünf voneinander zu unterscheidende Gruppen von Ethik-Manuskripten entstanden.

In der vorliegenden Ausgabe als Band 6 der Dietrich Bonhoeffer Werke sind die Ethik-Manuskripte chronologisch nach den Entstehungszeiträumen angeordnet. Eine Ausnahme von der Regel der Chronologie wurde bei der Manuskriptgruppe gemacht, die Bonhoeffer im ersten Zeitraum zu schreiben begann. Teile dieser Manuskripte hätten streng genommen erst nach den im zweiten Zeitraum geschriebenen Manuskripten abgedruckt werden müssen, da Bonhoeffer erst dann an ihnen weiterarbeitete. Doch erschien ein Auseinanderreißen mitten im Text der Manuskripte Christus, die Wirklichkeit und das Gute. Christus, Kirche und Welt und Erbe und Verfall wenig vernünftig, und auch das Manuskript Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung gehört eindeutig in die Reihe der Vervollständigungsarbeiten an den Manuskripten des ersten Zeitraums. Abgesehen von dieser Ausnahme entspricht die Anordnung der Manuskripte ihrer erschlossenen Schreibreihenfolge.

Die Indizien und ihre Verknüpfungen, die zur Erschließung der Schreibreihenfolge führten, können an dieser Stelle nicht in vollem Umfang dargestellt werden. Einige ausgewählte Indizien werden im Anschluß an das folgende Schema zu den Entstehungszeiträumen angeführt, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie die Zuordnung von Manuskripten zu bestimmten Zeiträumen zustande kam. Herausgeberanmerkungen zu den Manuskripten geben genauere Auskunft. Im Schlußabschnitt des Herausgebernachworts werden Indizien erörtert, die darauf schließen lassen, daß Bonhoeffer für seine Manuskripte in einem Ethik-Buch eine Sachreihenfolge gewählt hätte, die sich von der Schreibreihenfolge unterscheidet.

Rekonstruktion der Entstehungsfolge von Dietrich Bonhoeffers Ethik-Manuskripten

Zeitraum I

Sommer 1940 bis 13. November 1940: Christus, die Wirklichkeit und das Gute. Christus, Kirche und Welt (DBW 6,31-51 und 60f)

Ethik als Gestaltung

September/Oktober: Erbe und Verfall

Zeitraum II

7. November 1940 bis 22. Februar 1941: Die letzten und die vorletzten Dinge

Ab 9. Dezember: Das natürliche Leben

Zwischenperiode

April bis Ende 1941 Staat und Kirche

Vervollständigung der im Zeitraum I begonnenen Manuskriptgruppe:

Erbe und Verfall (DBW 6,116-124)

Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung

Einschub in Christus, die Wirklichkeit und das Gute …

Zeitraum III

Anfang bis Sommer 1942

Die Geschichte und das Gute 1. Fassung …

Die Geschichte und das Gute 2. Fassung

'Personal'- und ,Sach'ethos

Nach dem 10. August 1942:

Die Lehre vom primus usus legis …

Zeitraum IV

Bis Jahresende 1942

Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt

Kirche und Welt I.

Über die Möglichkeit des Wortes der Kirche an die Welt

Gegen Jahresende 1942: Nach zehn Jahren

Zeitraum V

Anfang 1943 bis 5. April 1943

Das ‘Ethische’ und das ‘Christliche’ als Thema

Das konkrete Gebot und die göttlichen Mandate

In der Haft 1943: Was heißt die Wahrheit sagen?

Die vier Manuskripte, die wir dem Zeitraum I zuordnen, stehen nun wieder wie in Bethges erster Druckanordnung 1949 zusammen. Das Schriftbild, die blauschwarze Tinte und das Schreibpapier der ursprünglichen, in sich abgeschlossenen Fassung von Christus, die Wirklichkeit und das Gute. Christus, Kirche und Welt und des Beginns von Ethik als Gestaltung entsprechen einander genau. Papier der hier benutzten Sorte - linierte Bögen einfacher Qualität - taucht in keinem anderen Ethik-Manuskript auf. Von den beiden im Erscheinungsbild sehr ähnlichen Manuskripten wird dasjenige, das vollständig auf Papier dieser Sorte geschrieben ist, vor demjenigen entstanden sein, bei dessen Schreiben Bonhoeffer zu einer anderen Papiersorte, karierten Bögen, wechselte. Christus, die Wirklichkeit … ist demnach das zuerst begonnene Ethik-Manuskript.

Bethge hatte 1949 Ethik als Gestaltung vorangestellt, weil der Titel dieses Manuskripts als erster auf dem Ethik-Zettel Nr. 38 steht. Christus, die Wirklichkeit und das Gute. Christus, Kirche und Welt ließ er an der Stelle folgen, an der auf diesem Zettel die Stichworte Kirche und Welt auftauchen. Den Zettel Nr. 38 verband Bethge mit Bonhoeffers Bemerkung in einem Brief aus Klein-Krössin im Oktober 1940: … ich schreibe die Disposition des Ganzen. Infolgedessen sah er in den Stichworten dieses Zettels eine Art Inhaltsübersicht für das geplante Ethik-Buch. Jedoch ist der Brief entstanden, als Bonhoeffer schon nicht mehr linierte Bögen, wie auch für den Zettel Nr. 38, sondern karierte Bögen benutzte. Auf kariertem Papier endet Ethik als Gestaltung und beginnt Erbe und Verfall. Der Brief vom 9. Oktober 1940, in dem Bonhoeffer berichtet, daß seine Arbeit an der Disposition des Ganzen noch mehrere Tage in Anspruch nehmen würde, ist auf diesem karierten Papier geschrieben ebenso wie eine Reihe von Zetteln, auf denen unter anderem die Ettal-Manuskripte vorbereitet sind.

Die im Zeitraum II entstandene Manuskriptgruppe, Die letzten und die vorletzten Dinge und Das natürliche Leben, ist durch Erwähnungen in Briefen Bonhoeffers klar datiert. Das Schriftbild, das sich deutlich von anderen Ethik-Manuskripten unterscheidet, liefert nahezu den Indizienbeweis für einen Vorgang, nämlich für den Kauf - vermutlich in München - eines neuen Füllfederhalters und neuer Tinte: Im Kloster Ettal schrieb Bonhoeffer mit blauer, nicht blauschwarzer Tinte und mit einer spitzen Feder.

Es ist sehr unwahrscheinlich, daß die im Zeitraum I angelegten, auf Zettel Nr. 38 genannten Manuskripte Erbe und Verfall und Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung noch vor dem 17. November 1940, dem Beginn des Ettal-Aufenthalts, hätten fertiggestellt werden können. Unter anderem das Stichwort Machiavellismus im Manuskript Erbe und Verfall läßt auf die Lektüre von Gerhard Ritters Buch Machtstaat und Utopie zu Machiavelli und Thomas Morus schließen. Dieses Buch kam erst im November 1940 in den Buchhandel. Der Schlußteil von Erbe und Verfall, das Manuskript Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung und der Einschub in das Manuskript Christus, die Wirklichkeit …, die im Erscheinungsbild übereinstimmen - sie sind mit blauschwarzer Tinte auf Abreißblock-Bögen geschrieben -, werden in der Zeit nach dem Ettal-Aufenthalt entstanden sein. Deutliche Übereinstimmungen beweisen, daß für einen Teil des Einschubs in Christus, die Wirklichkeit …, für den Abschnitt über die Mandate, der Text Staat und Kirche die Vorlage war. Die Entwicklung der Mandatelehre in Bonhoeffers Ethik begann demnach nicht schon 1940 im Zeitraum I, sondern 1941.

Im Zeitraum III sind zwei Fassungen des Manuskripts Die Geschichte und das Gute entstanden. In beiden Fassungen ist der erste Manuskriptbogen mit 15., der zweite mit 16. numeriert und so fort. Für die neue chronologische Anordnung der Ethik-Manuskripte 1962 suchte Bethge nach einem Manuskript mit den Bogenzahlen eins bis vierzehn, das vor die 15. passen würde. Als er es in Gestalt des Manuskripts Christus, die Wirklichkeit … gefunden zu haben meinte - dessen letzter Bogen trägt die Zahl 14a -, nahm er an, daß dieses Manuskript und Die Geschichte und das Gute im zeitlichen Anschluß aneinander geschrieben wären. Durch die Verknüpfung über die 15. bekam Christus, die Wirklichkeit … einen Ort im zweitletzten Drittel der Ethik-Ausgabe. Ganz befriedigt war Bethge von der Verknüpfungs-Hypothese nicht.

Er vermerkte im Vorwort, daß für Die Geschichte und das Gute andersartiges Konzeptpapier als für Christus, die Wirklichkeit … benutzt ist. Der Unterschied der Papiersorten läßt Zweifel aufkommen, ob die 15. mit einer Schreibreihenfolge zu tun hat. Die Zweifel werden bestärkt durch ein auffallendes weiteres Indiz: eine große, unterstrichene 15. auf dem Ethik-Zettel Nr. 31. Die Zahl hätte nicht eigens notiert werden müssen, wenn die Manuskripte Christus, die Wirklichkeit … und Die Geschichte und das Gute nacheinander entstanden und durchnumeriert worden wären. Fällt die Annahme dieser zeitlichen Verknüpfung weg, dann kann Christus, die Wirklichkeit … an den Platz gemäß der Schreibreihenfolge rücken, für den die Papiersorte und das Schriftbild zeugen: ganz an den Anfang des Schreibens an Ethik-Manuskripten.

Welche der beiden Fassungen von Die Geschichte und das Gute im Zeitraum III zuerst geschrieben wurde, lehrt schon der Augenschein, und zwar durch einen Unterschied der Tintenfarbe. Die erste Fassung ist zunächst mit blauschwarzer Tinte, gegen Ende aber mit klarblauer Tinte geschrieben. Die Tintenschattierungen sind deutlich voneinander zu unterscheiden, weil beide Farbnuancen in einer Textveränderung übereinanderstehen. Mit der klarblauen Tinte sind die Passagen angestrichen, die in der zweiten Fassung wiederkehren. Die zweite Fassung sowie alle Manuskripte, die in der vorliegenden Ausgabe den Zeiträumen IV und V zugeordnet werden, sind mit klarblauer Tinte und normal breiter Feder geschrieben. Dieses Tintenschattierungs-Indiz stimmte mit anderen Indizien zusammen, zum Beispiel mit dem Datum eines Briefes auf besonderem Papier, das die Abfassung des Manuskripts Kirche und Welt I. in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 wahrscheinlich machte.

Im Zeitraum IV stehen die Manuskripte Die Liebe Gottes… und Kirche und Welt I. hintereinander wie in Bethges beiden Druckanordnungen 1949 und 1963, obwohl kein inhaltlicher Zusammenhang besteht. Für das Ende des ersten und den Anfang des zweiten dieser Manuskripte ist eine in keinem anderen Manuskript vorkommende Papiersorte verwendet: Doppelbögen mit Wasserzeichen Dokumentenpapier. Das gleichbleibende Schriftbild bestätigt, daß die Manuskripte in einem fortlaufenden Arbeitsgang entstanden. Das gleiche dunkle Kriegs-Papier wie für den Ethik-Zettel Nr. 20 mit Notizen zu Kirche und Welt I. ist für die Skizze Über die Möglichkeit des Wortes der Kirche an die Welt benutzt. Diese Skizze, eine Vorform für ein Manuskript, ist, wie zugehörige Zettel zeigen - zum Beispiel der Zettel Nr. 10 auf einem Bogen Dokumentenpapier -, mit den Manuskripten der Zeiträume IV und V eng verbunden.

Das Jahr 1942, das die Arbeitszeiträume III und IV umfaßt, war für Bonhoeffer überwiegend unruhig. Statt kontinuierlicher Weiterarbeit an konkreter Ethik entstanden vervollständigende Zusatz-Manuskripte. Bethges frühe Charakterisierung hat sich als zutreffend erwiesen: Bonhoeffers Ethik-Buch wäre zu einem Ganzen zusammengewachsen aus den schon vorhandenen Manuskripten und Anschluß- oder Vorspann-Stücken wie denen, die in den Zeiträumen III und IV niedergeschrieben, begonnen oder skizziert wurden. Auch im Zeitraum V, 1943 bis zur Verhaftung im April, experimentierte Bonhoeffer nicht mit einer neuen Sicht von Ethik insgesamt, sondern bereitete die Ausarbeitung seiner 1941 begonnenen Mandatelehre vor.

Als auf der Konferenz aller Sektionen des Internationalen Bonhoeffer-Komitees in Amsterdam im Juni 1988 die neu rekonstruierte Schreibreihenfolge der Ethik-Manuskripte vorgestellt wurde, unterstrich Bethge in einem öffentlichen Begrüßungswort, daß nun, wie bei Bonhoeffer oft, der Auftakt, das Manuskript Christus, die Wirklichkeit und das Gute …, im Grunde schon alles Kommende in sich berge: Ethik im Blick auf die eine Wirklichkeit in Christus.

II

Wir legen dem Druck in diesem Band 6 der Dietrich Bonhoeffer Werke die Manuskripte zugrunde, die in den Nachlaß-Mappen NL A 71 und 72 archiviert sind. Die Ethik-Manuskriptseiten haben durchgehend DIN-A-4-Format. Sie sind, mit Ausnahme der Skizze Über die Möglichkeit des Wortes der Kirche an die Welt, mit Tinte beschrieben, alle in Bonhoeffers schwer entzifferbarer deutscher Handschrift, die er nur benutzte, wenn er nicht für einen Briefpartner, sondern für sich selbst schrieb, und durchweg, bis auf die zuletzt entstandenen, stark überarbeitet. Bonhoeffers Urteil über ein in der Haft entstandenes eigenes Manuskript trifft auf seine Ethik-Manuskripte ebenso zu: … kaum leserlich … (ich muß ja komischerweise beim Produzieren immer deutsch schreiben und außerdem die Korrekturen!).

Die Entzifferung der Manuskripte wurde seit 1985 durch Ilse Tödt mehrfach geprüft und präzisiert. Ob Bonhoeffer ein Wort als männlich oder sächlich, in der Mehrzahl oder Einzahl meinte, ob also vor dem Wort der oder das, am Wortende m oder n, e oder kein e steht, ist von der Schrift her oft ununterscheidbar und muß vom Zusammenhang her erschlossen werden. Das Ergebnis fiel bei der jetzigen Entzifferung hin und wieder anders aus als in den bisherigen Druckfassungen. Größere Lese-Irrtümer der früheren Entzifferung ließen sich zweifelsfrei aufklären. Manche der in der ersten Ausgabe 1949 gedruckten Irrtümer, die Verwirrung stifteten - zum Beispiel Sein statt Nein -, sind im Laufe der Jahre verbessert worden. Beim Neusatz der sechsten, neugeordneten Ausgabe 1963 kamen störende Auslassungen von Satzteilen sowie nur vermeintliche Verbesserungen hinzu, etwa die Großschreibung an sich seiendes Gutes oder Böses, obwohl gutes oder böses … Prinzip gemeint ist. Von den bis zur vorliegenden Ausgabe stehengebliebenen Irrtümern sei nur das sinn-dunkle Märchen erwähnt vom Baum, der sich seines fehlenden Schmuckes schämt.

Diese Ausgabe folgt möglichst getreu Bonhoeffers Schreibweise, auch wo sie mit den schon damals geltenden Duden-Richtlinien nicht übereinstimmt (garnicht, social), und seiner eigenwilligen Zeichensetzung; nur wenn über der Zeile Wörter eingefügt sind, wonach regelmäßig kein Komma im Manuskript steht, ist nötigenfalls ein Komma zugesetzt. Wörter und Wortteile, deren Auslassung offensichtlich ein Versehen ist, werden in eckigen Klammern ergänzt. Öfters sind Wörter im Umkreis von Einfügungen und auch vom Seitenende am folgenden Seitenanfang wiederholt; diese Wiederholungen werden stillschweigend getilgt. Abkürzungen und auch Kürzel, die Bonhoeffer benutzt, zum Beispiel K für Kirche, sind aufgelöst, ausgenommen seine Abkürzungen für die biblischen Schriften. Bonhoeffers Bibelstellenangaben haben im Manuskript die Form Kol 1, 16 (tiefgestellt)… 1 Kor 13, 2.3/tiefgestellt); im Druck sind die Verszahlen nicht tiefgestellt, sondern durch Komma von der Kapitelangabe getrennt. Nach der Angabe von Bibel-Kapiteln ließ Bonhoeffer manchmal Raum frei, offenbar um später die Verszahl nachzutragen; wenn der Vers eindeutig auszumachen war, ist die Zahl im Text in eckigen Klammern eingefügt. Griechische Wörter schrieb Bonhoeffer durchweg, wie im Apparat seines griechischen Neuen Testaments, ohne Akzente, und so erscheinen sie auch im Druck. Die Anmerkungen markierte Bonhoeffer in den Manuskripten durch hochgestellte Anmerkungsziffern mit Punkt und runder Klammer dahinter und begann auf einer neuen Seite wieder mit 1; im Druck bekommen sie eine runde Klammer (ohne Punkt) und werden innerhalb des jeweiligen Manuskripts durchgezählt.

Auch die Anmerkungen der Herausgeber, im Text angezeigt durch hochgestellte Ziffern ohne runde Klammer dahinter, werden innerhalb der einzelnen Manuskripte durchgezählt, und zwar in der Lese-Reihenfolge, die Bonhoeffers Anmerkungen einbezieht. Die Herausgeberanmerkungen stehen im Band gedruckt mit halbfetter Ziffer davor jeweils als letztes unten auf den Seiten.

Eine Auswahl der Beobachtungen an den Manuskripten wird in Herausgeberanmerkungen mitgeteilt. Nur wenige der sehr zahlreichen Streichungen sind dokumentiert worden; meist berücksichtigte Bonhoeffer selbst das von ihm Gestrichene sorgfältig bei der oft ausführlicheren Neuformulierung. Eine lange Streichung nahe dem Ende des zuletzt entstandenen Manuskripts wird vollständig wiedergegeben, um einen Vergleich mit dem umgearbeiteten Text und so einen Einblick in Bonhoeffers Umgang mit Streichungen zu ermöglichen.

Zu den Bibelstellen sind Bonhoeffers griechisch-lutherdeutsches Neues Testament und seine Lutherbibel konsultiert worden. Wenn dort Stellen angestrichen sind, wird dies vermerkt. Irrtümliche Stellenangaben im Manuskript werden im Drucktext beibehalten und in Herausgeberanmerkungen berichtigt. Auf deutliche Abweichungen von der Lutherübersetzung wird aufmerksam gemacht.

Die Auseinandersetzung mit Gedanken anderer Autoren führte Bonhoeffer, wie bei seinem Buch Nachfolge, überwiegend ohne Namensnennung. Auf Ethik-Zetteln sind etliche Namen und zuweilen Buchtitel genannt, in den Manuskripten hingegen nur äußerst selten. Um herauszufinden, mit welchen Büchern Bonhoeffer sich für seine Ethik beschäftigt hat und auch wann er sie lesen konnte, haben die Herausgeber die von Eberhard Bethge gesammelten Informationen weiterverfolgt sowie die Titel in Bonhoeffers Restbibliothek durchgesehen. Auch darüber hinaus wurden Bezugnahmen auf Bücher entdeckt. Eine Kenntnis derjenigen Gedanken, die Bonhoeffer aus Büchern kritisch aufgreift oder überbietet, trägt zum Verständnis seiner Argumentation bei. Zum Beispiel zeigt sich im Vergleich mit den vortrefflichen philosophischen Traktaten Josef Piepers klar die christologische Vertiefung, die Bonhoeffer erreicht. Herausgeberanmerkungen weisen Fundorte in den betreffenden Büchern nach. Wenn bestimmte Stellen in Bonhoeffers Exemplaren angestrichen oder auf andere Weise hervorgehoben sind, wird dies nach Möglichkeit vermerkt.

Texte von Bonhoeffer selbst, auf die er in Ethik-Manuskripten aufbaute, werden in Herausgeberanmerkungen genannt. Da das Schreiben an Manuskripten für ein Ethik-Buch durch die Verhaftung abrupt beendet wurde, die gedankliche Arbeit daran aber in der Haft weiterging, wird hin und wieder auch auf Äußerungen Bonhoeffers zu Ethik-Themen nach dem 5. April 1943 hingewiesen. Solche Querverweise im Werk Bonhoeffers beruhen in vielen Fällen auf der Gesamtdarstellung der Theologie Bonhoeffers durch Ernst Feil. Querverweise innerhalb des vorliegenden Bandes haben ein S. vor der Seitenzahl.

Einige Herausgeberanmerkungen informieren über die Umstände, unter denen Bonhoeffer die Ethik-Manuskripte schrieb. Die Verknüpfung mit zeitgeschichtlichen Ereignissen wird an ausgewählten Beispielen verdeutlicht.

Darüber hinaus werden in den Herausgeberanmerkungen Übersetzungen fremdsprachiger Ausdrücke und kurzer Texte sowie einige Erklärungen für Lehnwörter unter Angabe der Herkunftsprache angeboten. Würde es sich wie bei der Dissertation und Habilitationsschrift Bonhoeffers um eine rein akademischeSchrift handeln, wären manche Erläuterungen nicht erforderlich. Doch die Ethik spricht eine breitere Leserschaft an. Die Herausgeber haben sich bemüht, so zu erklären und zu kommentieren, daß auch Personen, die in fremden Kulturen und unter veränderten Zeitumständen leben, Bonhoeffer möglichst genau verstehen können. Er hat seine Ethik kommenden Generationen nicht nur in Deutschland, sondern in der Ökumene zugedacht.

Die beiden ersten Seiten des Ethik-Manuskripts Erbe und Verfall sind als Faksimile beigegeben, um Bonhoeffers Schreib- und Arbeitsweise anschaulich zu machen. Eine Zeittafel bietet einen Überblick über Ereignisse und über Äußerungen Bonhoeffers während der Arbeit an den Ethik-Manuskripten. Die Synopse der Manuskript-Anordnungen zeigt die Veränderungen in der Reihenfolge von der ersten Druckfassung bis zur jetzigen Ausgabe.

Das Literaturverzeichnis enthält im ersten Teil, der von Bonhoeffer benutzte Bücher nennt, auch Angaben, die für die Datierung von Interesse sind, wie zum Beispiel ein eingetragenes Kaufdatum. Der zweite Teil gibt die von den Herausgebern benutzte Literatur an, darunter die Schriften Bonhoeffers, die in der Ausgabe Dietrich Bonhoeffer Werke erschienen sind. Der dritte Teil nennt weitere Literatur zu Bonhoeffers Ethik.

Das Abkürzungsverzeichnis löst Siglen und andere Kürzel möglichst vollständig auf, um auch Lesern, die nicht im deutschen Sprachraum beheimatet sind, Unklarheiten zu ersparen. Am Ende des Abkürzungsverzeichnisses sind Zeichen erklärt wie zum Beispiel der gerade Strich Ι, der im Text die Seitenwenden der 6. Auflage der Ethik von 1963 markiert; die Innenpaginierung gibt die Seitenzahlen dieser 6. Auflage an, die bis zu der vorliegenden Ausgabe unverändert blieben, und für die erste Fassung des Manuskripts Die Geschichte und das Gute die Seitenzahlen des Abdrucks von 1960 in Band 3 der Gesammelten Schriften Dietrich Bonhoeffers.

Unter den Registern - Bibelstellen, Personen, Sachen und Orte - ist das Namensregister anders gestaltet als in den Bänden 1-5 der Dietrich Bonhoeffer Werke. Es enthält ausgewählte biographische Angaben zu Personen, die für Bonhoeffers Arbeit an Ethik-Manuskripten Bedeutung haben. Personen, die nicht allgemein bekannt sind, darunter besonders Zeitgenossen Bonhoeffers, werden ausführlicher vorgestellt. Jüngere Personen, auch die Autoren von nach 1945 entstandenen Büchern, erscheinen im Register nur namentlich, ohne weitere Angaben.

Die Herausgeber haben in je anderer Weise für die vorliegende Ausgabe gearbeitet. Die Textherstellung unmittelbar aufgrund der Originalmanuskripte, das Recherchieren für Herausgeberanmerkungen, die Erarbeitung von Rekonstruktionen der Schreib- und Sachreihenfolge, das Entwerfen von Vorwort- und Nachwortteilen fiel verschiedenen Personen zu. Vorwort und Nachwort sowie Herausgeberanmerkungen wurden teilweise aus Entwürfen mehrerer Personen zusammengefügt. Auf Konsultationen und durch Korrespondenz war gegenseitige Information und Kritik möglich.

Allerdings gab es zum ausführlichen Debattieren strittiger Punkte keine Gelegenheit, und es konnte auch nicht die Arbeit eines jeden von jedem anderen noch einmal nachvollzogen werden. Ein hoher Grad an Einmütigkeit in bezug auf Anordnung und Kommentierung wurde erreicht. Der Beschluß über die Darbietungsweise in DBW 6 fiel am 10. Dezember 1986 mit Eberhard Bethge. Es blieben Unsicherheiten und Meinungsverschiedenheiten, die außer einzelnen Kommentierungsfragen die Entstehungsreihenfolge, die Zahl der aufzunehmenden Texte und die Hypothese zu Bonhoeffers Anordnungsplan 1943 betreffen. Dies ist bei einem unabgeschlossenen Werk wie der Ethik unvermeidlich und wird zum Weiterforschen anregen. Bei Überprüfungen durch den Nachvollzug der Arbeit an den Original-Aufzeichnungen haben sich hier vorgelegte Ergebnisse bewährt.

Wolfgang Huber übernahm als Gesamtherausgeber mit Rat und Tat Mitverantwortung für diesen Band der Dietrich Bonhoeffer Werke. Treue Helfer haben vielerlei Details zur vorliegenden Ausgabe beigetragen. Sie dürfen hier ungenannt bleiben; unseres Dankes sind sie gewiß. Ausdrücken möchten wir an dieser Stelle unseren tiefen Dank gegenüber Eberhard Bethge. Ihn mußte das Werden dieser neuen Gestalt der Ethik ganz besonders bewegen. Stärker als jedes Befremden über Veränderungen blieb sein Bestreben, den authentischen Text seines Freundes zu präsentieren, blieb vor allem seine Herzlichkeit.

Für die Herausgeber
Ilse Tödt
Hannover, Pfingsten 1991

 

 

Manuskripte in rekonstruierter Entstehungsfolge

29

Christus, die Wirklichkeit und das Gute. Christus, Kirche und Welt

31

Ethik als Gestaltung

62

Erbe und Verfall

93

Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung

125

Die letzten und die vorletzten Dinge

137

Das natürliche Leben

163

Das natürliche Leben

171

Suum cuique

174

Das Recht auf das leibliche Leben

179

Der Selbstmord

192

Fortpflanzung und werdendes Leben

199

Freiheit des leiblichen Lebens

212

Die natürlichen Rechte des geistigen Lebens

216

Die Geschichte und das Gute [1. Fassung]

218

Die Geschichte und das Gute [2. Fassung]

245

Die Struktur des verantwortlichen Lebens

256

Der Ort der Verantwortung

289

Die Liebe Gottes und der Zerfall der Welt

301

Kirche und Welt I.

342

Über die Möglichkeit des Wortes der Kirche an die Welt

354

Das Ethische und das Christliche als Thema

365

Das konkrete Gebot und die göttlichen Mandate

392

Das Gebot Gottes in der Kirche

398

Leben und Werk

Bonhoeffer heute

Forschung

ibg