Menschenverachtung

Wer einen Menschen verachtet, wird niemals etwas aus
ihm machen können. Nichts von dem, was wir im anderen
verachten, ist uns selbst ganz fremd. Wie oft erwarten wir
von anderen mehr, als wir selbst zu leisten willig sind. Warum
haben wir bisher vom Menschen, seiner Versuchlichkeit und
Schwäche so unnüchtern gedacht? Wir müssen lernen, die
Menschen weniger auf das, was sie tun und unterlassen, als auf
das, was sie erleiden, anzusehen. Das einzig fruchtbare Verhältnis
zu den Menschen – gerade zu den Schwachen – ist Liebe,
d. h. der Wille, mit ihnen Gemeinschaft zu halten. Gott selbst
hat die Menschen nicht verachtet, sondern ist Mensch geworden
um der Menschen willen.
Es gibt aber auch eine aufrichtig gemeinte Menschenliebe, die
der Menschenverachtung gleich kommt. Sie beruht auf der
Beurteilung des Menschen nach den in ihm schlummernden
Werten, nach seiner tiefsten Gesundheit, Vernünftigkeit,
Güte. … Man liebt ein selbstgemachtes Bild des Menschen,
das kaum noch eine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit hat und
man verachtet damit schließlich doch wieder den wirklichen
Menschen, den Gott geliebt und dessen Wesen er angenommen
hat.

Dietrich Bonhoeffer

Quelle:
Widerstand und Ergebung
, DBW Band 8, Seite 28 f; 6

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