Seht doch! Jedes Menschenleben gehört mir! (Hes 18,4)

Lesung I: Collage aus Hes 18,1–32 (Bibel in gerechter Sprache)

1 Da erreichte mich das Wort des Lebendigen:

2 Was ist mit euch los, dass ihr über das Land Israel dieses Sprichwort zum Besten gebt: »Die Eltern essen saure Trauben, und den Kindern werden die Zähne stumpf«?

3 So wahr ich lebe […], dieses Sprichwort soll bei euch in Israel nicht mehr in den Mund genommen werden!

4 Seht doch! Jedes Menschenleben gehört mir, das Leben der Eltern wie das Leben der Kinder – mir gehört es. Das Leben, das sich verfehlt, wird zugrunde gehen.

5 Ein gerechter Mensch ist, wer Recht und Gerechtigkeit verwirklicht:

7 Eine gerechte Person beutet niemanden aus. […] Sie reißt nichts an sich, was ihr nicht gehört. Vom eigenen Brot gibt sie den Hungrigen. Nackte bekleidet sie.

10 Sie bekommt nun ein Kind, eine verbrecherische Person. Es vergießt Blut, und – wehe! – begeht mehrere der genannten Verfehlungen.

20 […] Die nachfolgende Generation aber wird nicht für die Schuld der Vorfahren verantwortlich gemacht, die Vorfahren werden nicht für die Schuld der nachfolgenden Generation verantwortlich ge-macht! […]

21 Wenn nun ein ungerechter Mensch sich von den begangenen Verfehlungen abwendet und alle meine Bestimmungen bewahrt und Recht und Gerechtigkeit verwirklicht – er wird lebendig bleiben und nicht zugrunde gehen!

23 Glaubt ihr etwa, dass mir mehr am Tod eines ungerechten Menschen liegt […], als daran, dass er oder sie sich von ihrer bisherigen Lebensweise abwendet und lebendig bleibt?

25 […] Meint ihr wirklich, dass mein Vorgehen unberechenbar ist? Ist es nicht vielmehr so, dass euer Vorgehen unberechenbar ist?

30 Deshalb werde ich jeden und jede von euch nach der eigenen Lebensweise beurteilen, Haus Israel […]. Kehrt um, wendet euch ab von all euren Rechtsbrüchen! Dann wird es für euch keinen Anlass mehr geben, in Schuld hineinzustolpern!

32 […] Kehrt um und lebt!

 

Lesung II:

Dietrich Bonhoeffer, «Christen und Heiden», 1944

1. Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,

flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot

um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.

So tun sie alle, Christen und Heiden.

2. Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,

finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehn ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

3. Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,

sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,

stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,

und vergibt ihnen beiden.

 

Dietrich Bonhoeffer, Gedicht: «Christen und Heiden», in: Widerstand und Ergebung, DBW 8, 515f.



Predigtimpuls (985 Wörter)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.

I. Liebe Kommilitonen, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Recht und Gerechtigkeit suchen wir. Brot geben wir derjenigen, die hungert; Kleidung dem, dessen Jacke verschlissen ist. So tun wir alle: Eltern und Kinder, jeder Mensch. Unrecht und Ungerechtigkeit schaffen wir. Wir reissen an uns, von dem wir meinen, dass es uns zustehe. Wir entwürdigen unsere Nächsten im Zorn und beuten diejenigen aus, deren Gesichter wir nicht kennen, und die doch auch unsere Nächsten sind. Auch so tun wir alle, jeder Mensch. Wir Menschen sind abgrundtief zwiespältig, weder schwarz noch weiss.....

Seht doch! Jedes Menschenleben gehört mir! (Hes 18,4)

Evensong am Gründonnerstag (Homiletische Übung) Zürich, 29.03.2018,

von Dominik Weyl

 

Dominik Weyl

 

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