Barcelona – Berlin – New York

Nach Abschluss seines Studiums ging Dietrich für ein Jahr als Vikar in die deutsche Gemeinde nach Barcelona – für den dortigen Pfarrer wohl eine etwas schwierige Situation, da der gemütliche Betrieb in der Gemeinde plötzlich aus der Ruhe gebracht wurde. Bonhoeffer regte neue Arbeitsformen an und belebte die alten.Wenn er Gottesdienst oder Kindergottesdienst hielt, war die Kirche voll.

Natürlich faszinierte den jungen Vikar auch das Land. Er besuchte Cordoba, Sevilla, Granada und Madrid, konnte sogar nach Zureden seines Bruders Klaus, der Spanien schon kannte, dem Stierkampf etwas abgewinnen.

Seinem Schwager Rüdiger Schleicher schickte Dietrich eine Mit Matadorengruß unterzeichnete Postkarte, auf der er durch witzige Fotomontage als großer Stierkämpfer zu sehen ist.

Dietrich lebte ganz mit der Gemeinde, wurde Mitglied des Deutschen Clubs, des deutschen Tennis- und Gesangvereins. Seine Fähigkeiten in der Musik, im Schachspiel und seine Sportlichkeit waren ihm dabei von Nutzen.

Dennoch bewahrte er sich seinen kritischen Blick. Etwas distanziert scheibt er über seine Gemeinde:

Diese Leute stehen der Kirche wohl ebenso positiv gegenüber wie dem Sport oder der Deutschnationalen Partei, nur weniger aktiv.

Und Bonhoeffers Ansatz für seine Theologie veränderte sich im Umgang mit den Menschen seiner Gemeinde. Am Ende seiner Spanien-Zeit schrieb er in sein Spanien-Tagebuch:

Meine Theologie beginnt humanistisch zu werden; was soll das? Ob Barth je im Ausland war?

Sein Dienstherr, Pfarrer Olbricht, entließ Bonhoeffer voll des Lobes und schrieb am 1. Januar 1929 den folgenden Brief:

Dem Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß zu Berlin teile ich ergebenst mit, daß mein Lehrvicar Lic. theol. Bonhoeffer am 15. Februar sein Jahr beendet hat und dann in die Heimat zurückkehrt. Er hat sich in jeder Beziehung als sehr tüchtig erwiesen und mir viel geholfen in meiner vielseitigen Tätigkeit. Besonders verstand er es in hohem Maße, die Kinder heranzuziehen, die ihn über alles lieben. Sein Kindergottesdienst war zuletzt von durchschnittlich 40 Kindern besucht. Auch in der ganzen Kolonie erfreute er sich der größten Beliebtheit. Ich wäre dem Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß sehr verbunden, wenn er mir möglichst bald einen neuen tüchtigen Vicar schicken könnte, der in derselben Weise tätig sein könnte …

Wieder zurück in Berlin widmete sich Bonhoeffer erneut der wissenschaftlichen Arbeit, bestand 1930 sein Zweites Theologisches Examen und habilitierte sich.Weil er noch zu jung war, um selbstständig eine Pfarrstelle zu übernehmen, belegte er ein Studienjahr in New York am Union Theological Seminary. Hier schloss er Freundschaften und machte wichtige Erfahrungen in der theologischen und kirchlichen Arbeit, nicht zuletzt durch sein Engagement in der schwarzen Abyssinian-Kirche in Harlem und den Erfahrungen mit der Bewegung des social gospel. Nach Bonhoeffers Amerika-Aufenthalt war ihm eine reine Schreibtischexistenz fragwürdig geworden. Bisher unbezweifelte Denk- und Gefühlswelten erschienen ihm plötzlich einseitig. Sie waren zu überprüfen.

Mehr als sechs Monate bin ich fast jeden Sonntag mittags um halb drei in einer der großen Negro Baptist Churches in Harlem gewesen … Ich habe in den Negerkirchen das Evangelium predigen gehört.

Von zu Hause aus Berlin bekam Bonhoeffer regelmäßig Post. Im November 1930 schrieb ihm sein Bruder Klaus:

Politisch hat sich ja seit Deiner Abreise die Situation sehr verändert. Der Erfolg des Nationalsozialismus hat die weitesten Kreise davon überzeugt, daß das demokratische Regime in den letzten 10 Jahren versagt hat. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise werden mit innenpolitischen Gründen erklärt. Man liebäugelt mit dem Faschismus. Ich fürchte, wenn diese radikale Welle sich der Gebildeten bemächtigt, ist es um das Volk der Dichter und Denker geschehen.

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