George Kennedy Allen Bell

Bischof George Bell

Quelle:

Bildbiografie Dietrich Bonhoeffer. Bilder aus seinem Leben, herausgegeben von Eberhard Bethge, Renate Bethge und Christian Gremmels, © Gütersloher Verlagshaus GmbH, Gütersloh 2005

Der Bischof von Chichester George Bell wurde im Herbst 1933 auf Dietrich Bonhoeffer aufmerksam. Bonhoeffer hatte am 17.10.1933 in Forest Hill sein Auslandspfarramt angetreten. Vom 2. bis 4.11.1933 tagten die Exekutiven des Weltbunds für Freundschaftsarbeit der Kirchen und des Ökumenischen Rates von Life and Work in London unter Bells Vorsitz; Bonhoeffer nahm als Weltbund-Jugendsekretär teil.

An einem dieser Sitzungstage lud Bell Bonhoeffer zum ersten Mal ein, mit ihm in seinem Club Athenaeum an der Pall Mall zu essen. Eine Wochenend-Einladung zum 21./22.11. in die schönen alten Räume zu Chichester folgte; Bonhoeffer erkundigte sich vorsorglich, ob Abendgarderobe erforderlich sei. Die beiden am selben Tage, dem 4. Februar, mit 23 Jahren Altersunterschied geborenen Theologen kooperierten fortan in großem Vertrauen und Wohlgefallen aneinander. – Bonhoeffer drängte Bell, die Mitgliedskirchen des Ökumenischen Rates zu warnen vor der "deutschchristlich" regierten Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) unter dem Reichsbischof (ab 27.9.1933) Ludwig Müller, Hitlers Vertrauensmann. Am 27.4.1934 sprachen Bell und Bonhoeffer im Athenaeum über einen solchen Hirtenbrief; am 2.5. bat Bell drei leitende Ökumeniker und Bonhoeffer um Durchsicht seines Entwurfs und Vorschläge; am 10.5., zu Himmelfahrt, ging seine Botschaft die DEK betreffend an die Kirchenvertreter im Universal Christian Council, und am 12.5. stand sie in der Times, in der Bell sich mit Leserbriefen zu Wort zu melden pflegte. So erhielt die Reichsbekenntnissynode in Barmen (29.-31.5.1934) ökumenische Rückenstärkung für ihre Verwerfung der Irrlehren der dem nationalsozialistischen Regime genehmen Reichskirche.

Am 19.8.1934 ließ Hitler sich als "Führer und Reichskanzler" durch Volksabstimmung bestätigen. Die Konferenz des Weltbundes und des Ökumenischen Rates auf Fanø 22.-30.8.1934 beschloss am letzten Tag im Sinne von Bells Himmelfahrtsbotschaft eine Resolution, die unmissverständlich Partei nahm gegen die Reichskirche und für die DEK auf der Grundlage der Bekenntnissätze der Barmer Theologischen Erklärung: Bekennende Kirche (BK). 

Bell erwirkte im Oktober 1934 für Bonhoeffer Einladungen in anglikanische Kommunitäten und zu Gandhi. Als Bonhoeffer sich am 15.4.1935 von Bell verabschiedete, hatte er gerade die Kommunitäten besucht, fuhr aber statt nach Indien nach Pommern, um in dem von ihm geleiteten BK-Predigerseminar gemeinsames Leben aufzubauen. 

Am 4.8.1936 warnte in der Times ein Leserbrief Bells unter der Überschrift "Nazis and Christianity": Ein Schlag gegen die BK würde ein Schlag gegen die Christenheit sein. Und am 27.3.1937 stand in der Times die Forderung Bell, der deutsche Staat möge von der Einmischung in das innere Leben der Kirche ablassen. – Für Flüchtlinge in England, die Deutschland aus politischen oder rassischen Gründen verließen, hatte Bonhoeffer seit seiner Zeit in London sich eingesetzt und Bell sein Möglichstes getan. Im Herbst 1938 flohen Bonhoeffers Zwillingsschwester Sabine, ihr "nichtarischer" Mann Gerhard Leibholz und die beiden Töchter. Am 5.11.1938 kamen sie in London an. Im Januar 1939 waren die Vier zu einem Wochenende bei Onkel Georg und Tante Henrietta in Chichester eingeladen; beim feierlichen Essen mit allerlei Leuten erwählte sich der Onkel die achtjährige Christiane zur Tischdame. Der Jurist Leibholz wurde nun Bells ständiger Berater. 

Im März 1939 suchte Bonhoeffer in London Bells Weisung. Der Ausbruch eines Krieges war absehbar. Was tun, wenn die Einberufung zum Wehrdienst kommen würde und der Eid auf den Führer geschworen werden musste? Am 13.4.1939 schrieb Bonhoeffer Zeilen des Dankes für Bells persönlichen Beistand und seine Vertretung der Sache der BK. 

Im Herbst 1939, nach Kriegsbeginn, besuchte das Ehepaar Bell die deutschen Flüchtlinge in den Internierungslagern auf der Isle of Man. Alle dort wussten: In Notlagen würde der Bischof von Chichester zu helfen versuchen. – 1942 wurden Flüge von England ins neutrale Schweden möglich; das britische Informationsministerium entsandte Bell (in einem Flugzeug mit einem norwegischen Piloten, zwei Crewmitgliedern und ihm als einzigem Passagier), um Kontakte zur schwedischen Kirche neu anzuknüpfen. Er reiste vom 13. Mai an durchs Land, hielt Vorträge und predigte, und seine Persönlichkeit beeindruckte tief. Am 31. Mai, Sonntag, war er im Nordischen Ökumenischen Institut in Sigtuna. Nach dem Tee erschien plötzlich Bonhoeffer. Er hatte vom Aufenthalt Bells in Schweden erfahren und sich eilends vom Auswärtigen Amt in Berlin (über Adam von Trott zu Solz, der wie Bonhoeffer insgeheim im Widerstand gegen das Hitlerregime tätig war) einen Kurierausweis ausstellen lassen zum Flug am 30. Mai nach Stockholm. Er war ermächtigt, Bell über die Vorbereitungen für den Umsturz in Deutschland zu informieren. Das hatte in den Tagen zuvor schon der, ebenso überraschend für Bell, aus Genf angereiste Hans Schönfeld getan.

Am Nachmittag des 31. Mai sprachen Bell und Bonhoeffer miteinander unter vier Augen. Bonhoeffer nannte und charakterisierte die führenden Verschwörer, und er erklärte: Das Gericht Gottes über Deutschland betrifft uns alle; wir wollen nicht ungestraft davonkommen, sondern für das begangene Unrecht als Christen Buße tun. Bonhoeffer erwähnte seine Arbeit 1941/42 an einem Buch über Ethik. (Manuskripte aus diesen Jahren handeln von "echter Schulderkenntnis" und freiem Schuldbekenntnis der Kirche und davon, "sich der Gemeinschaft der menschlichen Schuld nicht entziehen zu wollen".) Bell bestärkte ihn; zur Schuld zu stehen und sie öffentlich zu deklarieren sei wichtig.

Am 1. Juni schrieb Bonhoeffer, noch in Stockholm, an Bell: Wie ein Traum mute ihn an, Bell gesehen, gesprochen, gehört zu haben; dieses Erlebnis christlicher Brüderlichkeit – überwältigend. – Bell informierte den britischen Außenminister Anthony Eden. Das von Bell eingereichte Memorandum wurde im Ministerium eingehend begutachtet. Man kam zu dem Schluss: Hinter der Kontaktsuche zur Regierung Seiner Majestät steckt vermutlich die deutsche Geheimpolizei. Eden beschied Bell am 17. Juli: Auf die Information zu reagieren liegt nicht im nationalen Interesse. Bell ließ nicht nach. Wenn Menschen innerhalb Deutschlands bereit sind, gegen die monströse Nazi-Tyrannei Krieg zu führen, ist es dann recht, sie zu entmutigen oder zu ignorieren? Am 10.3.1943 stellte Bell diese Anfrage im Oberhaus und stieß auf Verständnis. Am 7. 4. erfuhr Bell von Bonhoeffers Inhaftierung im Untersuchungsgefängnis Berlin-Tegel. 

Am 8.1.1945 lag dem Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop ein Bericht über den Lordbischof Bell vor, zu dem Bonhoeffer im Gefängnis des Reichssicherheitshauptamts in Berlin vernommen worden war. Ribbentrop hatte als Sonderbeauftragter Hitlers für Außenpolitik im November 1934 Bell in Chichester besucht. Nun, im Januar 1945, las er, dass Bell, "ausgesprochener Freund Deutschlands", vor seiner Schwedenreise 1942 von Eden schroff zu hören bekommen hätte, vor einem englischen Sieg werde über Frieden nicht gesprochen. 

Aus einer Gruppe von Gefangenen im Schulhaus zu Schönberg im Bayrischen Wald wurde Bonhoeffer am Nachmittag des 8.4.1945 herausgerufen; dem britischen Mitgefangenen Payne Best trug er eine Botschaft an den Bischof von Chichester auf: Dies ist für mich das Ende, aber auch der Beginn – universale christliche Bruderschaft – ich habe nie die Worte des Bischofs bei unserem letzten Treffen vergessen. Die Botschaft sagte er zweimal, hielt dabei Bests Hand fest und sprach mit leidenschaftlichem Ernst. Am Tage darauf wurde Bonhoeffer in Flossenbürg gehenkt. Erst nach Kriegsende gelangte die Nachricht von seinem Tod an die ökumenische Zentrale in Genf und von dort nach England. In London fand am 27.7.1945 ein öffentlicher Gedächtnisgottesdienst statt; Bell predigte. 

Im Oktober 1945, nachdem Bell in einer Abordnung des Ökumenischen Rates Zeuge der Stuttgarter Schulderklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland gewesen war, besuchte er in Berlin die Eltern Bonhoeffer. Sie übergaben ihm, wie ihr Sohn es in seinen Testamenten am 20.9. und 23.11.1943 erbeten hatte, ein Buch: Thomae Hemerken a Kempis, De imitatione Christi, auf Lateinisch. "Er hat diesen Thomas a Kempis noch im Gefängnis in Tegel bei sich gehabt." Henrietta Bell gab es nach dem Tode ihres Mannes zum Gedenken an beide der Deutschen Evangelischen Kirche in London-Forest Hill.

Quelle:

Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse. Eine Biographie. Gütersloh 20059, passim. DBW 6/8/13/14/ 15/16, passim. Nachlass Dietrich Bonhoeffer, 1987, NL-Bibl. 11.8.

BELL, GEORGE KENNEDY ALLEN (1883-1958): wurde am 4.2.1883 in Norwich geboren. Als anglikanischer Theologe 1907 Hilfsgeistlicher einer Arbeitergemeinde in Leeds; 1910-1914 akademische Lehrtätigkeit in Oxford (erhielt dort einen Preis für Dichtung); 1914-1924 in Canterbury Residential Chaplain des Erzbischofs Randall Davidson (über ihn verfasste Bell eine 1400 Seiten starke Biographie) mit dem Sonderauftrag für internationale und interkonfessionelle Beziehungen; gehörte zu den Pionieren des am 1.8.1914 gegründeten Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen; 1918 Heirat mit Henrietta Millicent Grace Livingstone; 1924-1929 Dean von Canterbury (er regte das "Festival of Music and Drama" an); Mitverfasser der Botschaft der Stockholmer Weltkirchenkonferenz für Praktisches Christentum (Life and Work) 19.-30.8.1925; 1929-1958 Bischof von Chichester; 1932 im 1930 entstandenen Ökumenischen Rat für Praktisches Christentum (ÖRPC) Vorsitzender der britischen Sektion sowie des Exekutivkomitees; seit Juli 1938 als Lordbischof Sitz im Oberhaus des Parlaments; 1945 Vorsitzender des neuen anglikanischen Rates für Auswärtige Beziehungen; in einer Abordnung des im Aufbau begriffenen Ökumenischen Rates der Kirchen nahm er die Stuttgarter Schulderklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland am 19.10.1945 entgegen ("Das ist bedingungslose Buße"); 1946 Festpredigt in San Francisco zur Feier der Konstituierung der Vereinten Nationen dort (24.10.1945); bei der Bildung des ÖRK am 23.8.1948 in Amsterdam Vorsitzender des Zentral- und des Exekutivausschusses; 1954 ÖRK-Ehrenpräsident. Bell starb am 3.10.1958 in Canterbury.

Vita aus:

Bethge, Eberhard: Dietrich Bonhoeffer. Theologe – Christ – Zeitgenosse, Gütersloh 20059, 419, 476. Die Mündige Welt V, 1969, 334. Jørgen Glenthøj Recherchen 1990. D. Bonhoeffer. Der Weg in den Widerstand, hg. v. Christian Gremmels u.a., Gütersloh 1996.

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